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Rücktritt nach 40 Jahren Jacqueline Fehr, was hat Sie als Politikerin geprägt?

Nach fast 40 Jahren in der Politik tritt die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr zurück. Ein Gespräch über schmerzhafte Niederlagen, den Vorwurf, zu ehrgeizig zu sein, und warum sie sich vor der Bundesratswahl modisch mit Simonetta Sommaruga abstimmte.

Jacqueline Fehr zieht einen Schlussstrich: Die langjährige Regierungsrätin und ehemalige Nationalrätin verzichtet auf eine erneute Kandidatur bei den Wahlen im April 2027 und schlägt einen neuen beruflichen Weg ein. Im Tagesgespräch blickt Fehr auf ihre politische Laufbahn zurück.

SRF News: Sie wollten 2010 Bundesrätin werden und wurden nicht gewählt. Später unterlagen Sie bei der Wahl zur Fraktionspräsidentin. Welche dieser Niederlagen hat mehr weh getan?

Jacqueline Fehr: Die zweite, die vom Fraktionspräsidium. Die Bundesratswahl war wie ein Champions-League-Match, es ist ein Privileg, da überhaupt mitzuspielen. Die Niederlage im Fraktionspräsidium war für mich schwerer zu lesen, weil ich nicht damit gerechnet habe. Ich habe gemerkt, dass ich eine Kritik an mir nicht wahrgenommen hatte. Das hat mich wirklich aus der Bahn geworfen.

Man warf Ihnen damals vor, zu ehrgeizig und zu berechnend zu sein. Hat Sie das getroffen?

Das begleitet mich mein ganzes Leben. Schon als Mädchen war ich zu schnell, zu forsch, einfach nicht passend. Das ist auch ein Frauenthema. Man ist entweder zu ehrgeizig oder zu weich.

Man sagte mir, ich neige dazu, apodiktisch zu argumentieren – so, dass es keinen Raum mehr für eine Gegenposition gibt. Daran arbeite ich bis heute.

Aber ich habe aus der Kritik gelernt. Man sagte mir, ich neige dazu, apodiktisch zu argumentieren – so, dass es keinen Raum mehr für eine Gegenposition gibt. Daran arbeite ich bis heute.

Bei der Bundesratswahl standen Sie in direkter Konkurrenz zu Simonetta Sommaruga. Wie war das?

Es war eine gute Zeit. Wir haben uns vorgenommen, einen Zickenkrieg zu vermeiden. Wir telefonierten ständig miteinander, um uns abzusprechen.

Wir wollten den gleichen Stil haben. Frauen in Konkurrenzsituationen sind sehr exponiert.

Worüber?

Über die Kleider. Wir fragten uns: «Wie machst du es? Kommst du in Jeans oder schick?» Wir wollten den gleichen Stil haben. Frauen in Konkurrenzsituationen sind sehr exponiert, dass man ihnen einen Zickenkrieg andichtet. Das wollten wir vermeiden.

Sie sagen, der Weg zur Macht führe über Demut. Wieso?

Ja, man muss bescheiden genug sein zu wissen, dass man auf den Schultern von denen steht, die Vorarbeit geleistet haben. Und es braucht Demut vor dem Privileg, in was für Umständen wir dieses Amt ausüben dürfen.

Dennoch haben Sie vor einem Jahr eine parlamentarische Kommission als «Gruppe von Besserwissern» bezeichnet. Das ist wenig demütig.

Das war eine sehr bewusste Eskalation. Demut heisst nicht Sanftmut. Der Respekt vor den Institutionen kann auch heissen, sie mit grosser Vehemenz zu verteidigen, wenn sie ihre Aufgabe nicht sachbezogen wahrnehmen. Und ich finde diese Auseinandersetzung spannend.

Politik ist ein Handwerk und braucht einen Werkzeugkasten mit unterschiedlichen Werkzeugen. Das Zuspitzen und das Auslösen von Konflikten ist ein wichtiges Werkzeug.

Sie wollen nach der Politik als Mediatorin arbeiten. Mediatorinnen deeskalieren aber meistens.

Politik ist ein Handwerk und braucht einen Werkzeugkasten mit unterschiedlichen Werkzeugen. Das Zuspitzen und das Auslösen von Konflikten ist ein wichtiges Werkzeug. Aber ich habe viel häufiger andere Werkzeuge benutzt.

In einem Jahr erleben Sie einen grossen Machtverlust. Haben Sie Angst davor?

Nein. Seit dem Tag, an dem ich meinen Rücktritt angekündigt habe, spüre ich ein ganz tiefes Gefühl von Freiheit.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 2.3.2026, 13 Uhr ; 

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