Diese Woche lag dicke Post in meinem Briefkasten. Die Unterlagen für die Abstimmungen vom 14. Juni. Wir Stadtzürcher leiden besonders unter dem Joch der direkten Demokratie: neben zwei nationalen und fünf kantonalen haben wir über 13 städtische Vorlagen abzustimmen (in Worten: dreizehn). Zwei Hefte mit insgesamt 166 Seiten! Kein Wunder arbeiten immer mehr Leute Teilzeit. Wie will man sonst seine demokratischen Pflichten erfüllen?
Ein Lichtblick ist die Light-Version in Form eines dritten Heftes: «Kurz-Versionen aller Vorlagen in Leichter Sprache», 47 Seiten kurz.
Politische Minderheitsmeinungen kommen plötzlich wie ein existenzielles Gedicht daher!
Die Leichte Sprache ist ein Hilfsmittel für Menschen mit geringen Lesekompetenzen, wenig Deutschkenntnissen oder auch für kognitiv beeinträchtigte Stimmberechtigte. Sie vereinfacht Texte. Eine Aussage. Ein Satz. Eine Zeile.
Das Layout ist leicht und luftig, so dass zum Beispiel die Minderheitsmeinung des Zürcher Gemeinderates auf Seite 29 wie ein existenzielles Gedicht daherkommt:
69 Millionen Franken sind viel Geld.
Das ist klar.
Aber welche ökologischen Ersatz-Massnahmen
sind im Zürichsee wirklich nötig?
Das ist völlig unklar.
Der Kredit ist zu hoch.
Es gibt zu wenig gute Gründe dafür.
Es gibt zu viele Unklarheiten.
Sagen Sie deshalb «Nein» zu dieser Vorlage.
Oh, Wunder! Es fehlt nichts!
Natürlich, wenn 166 Seiten auf 47 eingedampft werden, muss man sich fragen, ob das noch seriös ist? Ich habe deswegen die fette Originalfassung mit der abgespeckten Version verglichen. Mindestens zwei Drittel des Text sind weg, aber – oh Wunder! – es fehlt nichts!
Es ist Kunst! Es ist Bildhauerei! Das Meisterwerk entsteht durch Weghauen von überflüssigem Material, und das kann durchaus der grösste Teil sein. Weniger ist mehr.
Ich bin durchschnittlich intelligent und habe recht gute Deutschkenntnisse. Ich frag mich jetzt: darf ich trotzdem die Kurzversion in Leichter Sprache lesen? Ich meine, warum soll ich mir die lange Version antun, wenns die kurze auch tut, «ich bin doch nicht blöd!» Und auch wenn ich fitter bin als Herr Huber mit dem Hüftleiden und den Üetliberg noch selber hochlaufen kann, heisst das ja nicht, dass ich nicht wie er die S-Bahn nehmen darf, oder?
Ich, Satiriker Simon Chen, fordere Leichtigkeit für alle!
Darum auch für Sie diese Glosse noch einmal in Leichter Sprache:
Alle Stimmberechtigten wollen sich eine Meinung bilden.
Deshalb müssen sie die Abstimmungs-Vorlagen verstehen.
Aber nicht alle verstehen die Standard-Version.
Sie ist zu lange und zu kompliziert.
Vieles ist völlig unklar.
Darum gibt es die Kurz-Version in Leichter Sprache.
Die ist klar.
In Zukunft soll es laut Satiriker Simon Chen nur noch die Kurz-Version in Leichter Sprache geben.
Alle Stimmberechtigten werden froh sein.
Auch wenn es nicht alle zugeben.