Facebook-Post reicht Schweizer Türken fürchten eine Verhaftung

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Reise in die Türkei ist ein Wagnis

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Erdogan-kritischen Türken in der Schweiz sind verunsichert: In der Türkei wurden drei Männer aus der Schweiz festgenommen.
  • Manche Türken wollen deshalb in den Sommerferien nicht wie üblich in ihre Heimat reisen.
  • Andere wagen es wegen Erdogans langem Arm nicht einmal mehr, sich in der Schweiz politisch zu exponieren.

Wer mit der Opposition sympathisiert, riskiert Gefängnis: Letztes Wochenende wurde bekannt, dass in der Türkei drei kurdische Männer aus der Region Basel verhaftet wurden. Einer von ihnen ist schweizerisch-türkischer Doppelbürger, die anderen beiden leben schon viele Jahre in der Schweiz.

Die Männer sollen sich in der Schweiz kritisch über den türkischen Präsidenten Erdogan geäussert haben. Es wird vermutet, dass sie in der Schweiz bespitzelt und an die türkischen Behörden verraten worden sind.

«  Man weiss nie, was sie mit einem vorhaben – und ob man überhaupt jemals wieder freikommt. »

Mehmet Sali Coskun
Betreibt in Basel ein Restaurant

Von den drei Männern ist bislang erst einer wieder in die Schweiz zurückgekehrt: Mehmet Sali Coskun, der in Basel mit seiner Frau ein Restaurant betreibt.
Weil er sich für die kurdische Minderheit einsetzt, sass er in der Türkei bereits einmal im Gefängnis.

Am 1. Mai habe man ihn erneut verhaftet, als er in die Türkei habe einreisen wollen, sagt er. Die Behörden begründeten die Festnahme mit angeblicher Spionage, wie Coskun im «Regionaljournal Basel» sagte. In der Haft habe er grosse Angst gehabt: Eines Nachts sei er geweckt und aus der Zelle geholt worden, ohne dass man ihm sagte, wohin man ihn bringen wollte.

Später habe sich herausgestellt, dass es bloss um eine medizinische Kontrolle ging. «Es war eine grosse psychische Belastung. Man weiss nie, was sie mit einem vorhaben – und ob man überhaupt jemals wieder freikommt.»

Twitter-Posts zur Türkei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jede Kritik an Erdogan in der Schweiz kann in der Türkei eine Verhaftung nach sich ziehen. screenshot

Ein unliebsamer Post auf Facebook reicht

Der kurdisch-stämmige Basler SP-Politiker Mustafa Atici sagt, der Fall der drei verhafteten Basler zeige, dass die türkische Regierung immer unberechenbarer werde. Früher hätten höchstens «ganz hochrangige, politisch aktive Personen» bei einer Einreise in die Türkei Probleme befürchten müssen.

«Jetzt bekommen schon ganz einfache, harmlose Leute Probleme. Sie haben vielleicht Sympathien für eine Oppositionspartei oder etwas auf Facebook gepostet» so Atici. Er selber werde deshalb in nächster Zeit «ganz sicher nicht» in die Türkei reisen.

Das gilt auch für Ramazan Özgü. Der Jurist betreibt in Zürich das Institut für Interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog. Dieses steht der von Erdogan verfolgten Gülen-Bewegung nahe. Seit dem missratenen Putschversuch im vergangenen Juli hat Özgü seine Familie in der Türkei nicht mehr besucht – aus Angst, dort verhaftet zu werden.

«Alle, die eine oppositionelle Meinung haben, müssen aufpassen, wenn sie in die Türkei fahren», sagt er. Es würden auch ganz normale Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, ins Visier genommen. Deshalb dürften sich viele Türken in der Schweiz diesen Sommer zweimal überlegen, ob sie Ferien in der Heimat machen wollten, ist Özgü überzeugt.

«  Alle, die eine oppositionelle Meinung haben, müssen aufpassen. »

Ramazan Özgü
Jurist, betreibt Gülen-nahes Institut in Zürich

Diese Unsicherheit zeigte sich auch bei der Recherche zu diesem Beitrag: Die Vertreterin eines kurdischen Kulturvereins hat ihr bereits vereinbartes Interview kurzfristig abgesagt. Sie wollte sich nun doch nicht mit kritischen Aussagen exponieren.

Erdogans verschärftes Vorgehen gegen seine Kritiker zeigt also Wirkung – und der lange Arm des türkischen Präsidenten reicht bis in die Schweiz.