Geboren im deutschen Coburg, hätte nichts darauf hingedeutet, dass Tillmann Luther einmal im Wallis Wurzeln schlagen würde. Der Weg dorthin begann mit einem Zufall – oder einer Reihe von Zufällen.
«Nach einem Gottesdienst hat mir jemand erzählt, dass in Visp ein reformierter Pfarrer gesucht wird. Aber ich hatte noch nie etwas vom Wallis, geschweige denn von Visp gehört.»
Ab ins katholische Wallis
Tillmann Luther sah auf der Landkarte nach und sah: Hochgebirge. «Da war mir eigentlich klar, da will ich nicht hin. Aber dann hat mich der Kanton verfolgt.»
Zunächst ein Fernsehbericht über die Rettungshelikopter in Zermatt, dann eine Anzeige für Walliser Raclettekäse in der Zeitung, schliesslich eine Toblerone im Kühlschrank. «Als ich das Matterhorn auf der Verpackung entdeckte, dachte ich mir: Jetzt solltest du da unten mal anrufen.»
Die Stelle in Visp war noch frei.
Tillmann Luther zog mit seiner Familie von Oberfranken ins Wallis. «Es war ein Sprung ins kalte Rhonewasser.» Auch, weil im Oberwallis – anders als in Luthers Heimat – nur eine kleine Minderheit protestantisch ist: etwa sechs Prozent der Bevölkerung. Die Mehrheit – rund 70 Prozent – ist katholisch.
Sie riefen: ‹Überfahren Sie bloss nicht unseren Pfarrer.› Da wusste ich: Ich habe hier Wurzeln gefasst.
«Ich habe die Leute als sehr traditionell empfunden, stark als Walliser im Kanton verwurzelt, aber auch offen und neugierig auf jemand anderes», erzählt er. Aus einem Jahr in Visp wurden zwei, aus zwei fünf – und am Ende 24. «Ich habe es nicht bereut.»
Der 65-Jährige sagt: «Als Pfarrer geniesst man im Wallis ein gewisses Ansehen – auch als reformierter Pfarrer.» Ein Schlüsselmoment kam nach zehn Jahren. «Ich bin über die Strasse gelaufen, ein Velo kam, scharfes Bremsen. Drei ältere katholische Damen riefen dem Velofahrer zu: ‹Achtung! Überfahren Sie bloss nicht unseren Pfarrer!›» Da wusste er: Er gehört dazu.
Fit für die Armee
Ein paar Jahre später beantragten Tillmann Luther und seine Familie die Schweizer Staatsbürgerschaft. «Meine Frau, unser Sohn und ich haben von Anfang an über Schweizer Politik diskutiert. Wir zahlen Steuern und sind voll überzeugt von der Basisdemokratie.»
Doch der rote Pass war nicht genug für Luther. «Ich habe mir gedacht: Was kann ich für die Gesellschaft, für den Staat mal über mein Pfarrer-Sein hinaus tun?» Die Antwort kam per E-Mail: Die Schweizer Armee suchte mehr Seelsorger.
Tillmann Luther entschied sich, die verkürzte Rekrutenschule nachzuholen – mit 55 Jahren. Neun Monate bereitete er sich in einem Fitnessstudio vor. «Ich habe angefangen mit einer Liegestütze – ganz primitiv. Am Schluss konnte ich dreissig Stück, fast in Perfektion.» Es habe ihm Befriedigung gegeben, etwas für das Land zu tun.
Nun endet das Kapitel Wallis: Nach 24 Jahren zieht es Tillmann Luther und seine Frau weiter nach Olten. Er gibt die Stelle in Visp auf. Er muss. Im Wallis dürfen reformierte Pfarrer nur bis zum ordentlichen Pensionsalter arbeiten. Es ist also ein Abschied mit Ankündigung.
«Ich hatte eine Trauerzeit», sagt Luther rückblickend. Vor anderthalb Jahren fragte er sich: Warum gehe ich weg? Doch aus der Trauer sei Dankbarkeit geworden – für die Jahre voller Begegnungen und Erfahrungen. Nun sei er in der dritten Phase: Aufbruch. «Ich bin neugierig auf meine Zukunft.»