«Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen», heisst es im Alten Testament. Doch eine Mehrheit der Kantone will das Arbeitsverbot an Sonntagen aufweichen. So sollen Geschäfte und Einkaufszentren an bis zu zwölf statt wie bisher vier Sonntagen bewilligungsfrei geöffnet sein dürfen.
Den arbeitsfreien Sonntag zu schützen, ist ein Kernanliegen von Gewerkschaften und linken Parteien. Ihre Gegenwehr im Ständerat hat genützt. Weil sie von einer «Sonntagsallianz» von links über die Mitte bis rechts unterstützt wurde.
Doch es gibt noch eine weit grössere «Sonntagsallianz». Sie ist ein europaweit aktives Bündnis mit rund 30 Verbänden, Parteien oder Kirchen. Dieses setzt sich für den arbeitsfreien Sonntag ein. Aber warum?
Wer am Sonntag im Laden steht, könnte doch am Montag oder Dienstag kompensieren? Eben nicht, sagt Leena Schmitter. Die Unia-Gewerkschafterin koordiniert die Arbeit der «Sonntagsallianz».
Ein freier Sonntag ist nicht das gleiche wie ein freier Dienstag oder wie ein freier Donnerstag.
Ein freier Tag, an dem alle anderen arbeiten oder in die Schule gehen, das bringt den Familien nichts: «Ein freier Sonntag ist nicht das gleiche wie ein freier Dienstag oder wie ein freier Donnerstag.» Weil am Sonntag die Kinder, ihre Eltern, der Götti, Schulkameradinnen oder Vereinsfreunde gleichzeitig freihaben.
Dann trifft man sich im Familien- oder Freundeskreis, besucht Fussballspiele der Tochter und macht vielleicht auch mal gar nichts. Es fehle ein Tag, so Leena Schmitter, um die Batterien wieder aufzuladen.
Sonntagsarbeit ist eigentlich gesetzlich verboten, auch um die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen. Allerdings gibt es Ausnahmen vom Verbot, etwa für Geschäfte an Bahnhöfen, in Tourismusgebieten oder für Spitäler oder die Gastronomie.
Der Sonntag soll kein Werktag sein
Gegen noch mehr Ausnahmen wehren sich in der «Sonntagsallianz» auch die Gesellschaft für Arbeitsmedizin oder christliche Kreise wie die «Theologische Bewegung für Solidarität und Befreiung». Diese ökumenische Basisbewegung orientiert sich an der biblischen Tradition der Befreiung. Der Theologe Urs Häner zitiert aus der Bibel:
Du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren, die sollen die Möglichkeit haben, ruhen zu können.
Diese Botschaft überträgt Urs Häner auf die Gesellschaft, auf Menschen vom Rand, die oft ausgegrenzt oder ausgenutzt würden. Für sie soll der Sonntag nicht zum Werktag werden. Aber man sei nicht naiv, sagt Urs Häner, der Rettungshelikopter der Rega am Sonntag sei wichtig.
Auch der Bankpersonalverband SBPV wehrt sich in der Sonntagsallianz gegen Angriffe auf die Sonntagsruhe. Nicht, weil Banken sonntags geöffnet werden sollen. Vielmehr fürchtet die Finanzbranche einen Vorstoss im Parlament. Der Nationalrat hat den Mitarbeitenden Sonntagsarbeit im Homeoffice verordnet.
Wenn Arbeit und Privatleben verschwimmen
Bis zu neun Mal im Jahr könnten sie aufgeboten werden, dazu soll die gesetzliche Ruhezeit von elf auf neun Stunden gekürzt werden. Beim Bankpersonalverband sorgt sich Esther Hess um die Gesundheit der Mitarbeitenden, wenn man fast nicht mehr abgrenzen kann, was Arbeit und was Privatleben sei.
Ob Verkäuferin oder Bankangestellter: Ein arbeitsfreier Sonntag und gesetzlich geregelte Ruhezeiten findet Esther Hess für alle Berufsgruppen gleich wichtig. Auch die «Sonntagsallianz» will bei einem Referendum mithelfen, falls die Aufstockung der Sonntagsarbeit trotz des Neins des Ständerats doch noch durchkommen sollte. Die Vorlage geht nun in den Nationalrat.