Durch den Flughafen gehen und denken wie ein Täter oder eine Täterin: Was fällt einem auf? Was schreckt ab, was weniger? Wie könnte man bei einer Tat vorgehen? Solchen Fragen ging das Forschungsprojekt «Read the Enemy» [verstehe den Feind] nach.
Das Ziel war, das Sicherheitssystem des Flughafens aus einer Täterperspektive zu betrachten.
Während rund drei Jahren nahm ein Forschungsteam die Sicherheit am Flughafen Zürich unter die Lupe. Matthias Holenstein, Geschäftsführer der Stiftung Risiko-Dialog, die das Projekt gemeinsam mit der Flughafenpolizei der Kantonspolizei Zürich und dem ETH-Spin-off HF Partners durchführte, sagt: «Das Projekt hatte das Ziel, das Sicherheitssystem des Flughafens aus einer Täterperspektive zu betrachten.»
Die Idee dahinter ist nicht neu. Ein ähnliches Vorgehen sei früher etwa im Militär angewendet worden. Neuland sei hingegen eine derart umfassende und systematische Untersuchung im Zusammenhang mit einer wichtigen Infrastruktur.
Das Hineinversetzen in eine potenzielle Täterin oder einen potenziellen Täter soll dem Personal am Flughafen helfen, verdächtiges Verhalten zu erkennen und wirksame Sicherheitsmassnahmen zu entwickeln.
Den typischen Täter gibt es nicht
Zunächst sammelte das Forschungsteam Informationen über das Verhalten von Tätern. Die Forschenden wälzten wissenschaftliche Literatur und sprachen mit Expertinnen und Fachpersonen aus der Schweiz und dem Ausland.
Es ist nicht wie in den besten Agentenfilmen.
Gegenüber SRF sagt Holenstein, sie hätten mehrere Erkenntnisse gewonnen. Eine vielleicht nicht besonders überraschende, aber wichtige Erkenntnis sei: «Es gibt heutzutage nicht mehr den Täter.» Es gebe kein klares Profil mehr, wie es früher teilweise der Fall gewesen sei, als Taten in der Regel aus religiösem oder politischem Fanatismus begangen worden seien.
Auch über das Vorgehen potenzieller Täter hätten sie einiges erfahren. «Man muss es sich nicht vorstellen wie in den besten Agentenfilmen», sagt Holenstein. Bei weitem nicht alle Täterinnen und Täter würden ausgeklügelte Technologien oder spezielle Ausrüstung nutzen. Viele griffen auf alltägliche Dinge zurück. Beispielsweise suchten sie im Internet nach Informationen oder schauten sich vor Ort um.
Kameras schrecken Täterinnen ab
Im Projekt untersuchte das Forschungsteam um Matthias Holenstein auch bestehende Sicherheitsmassnahmen am Flughafen Zürich. Er wolle nicht in die Tiefe gehen, was er aber sagen könne: «Die Kamerasysteme sind hilfreich.» Täter fühlten sich beobachtet und würden abgeschreckt. Einen gravierenden Mangel hätten sie am Flughafen nicht entdeckt.
Weil es nicht einfach sei, die Perspektive eines Täters einzunehmen, setzen die Forschenden auch auf Simulationen. Sie baten Menschen, die sie teilweise zufällig auswählten, sich zu überlegen, wie sie bei einer böswilligen Tat am Flughafen vorgehen würden.
In einer spielerischen Situation ist es einfacher, sich ins Gegenüber zu versetzen.
Ausserdem ergänzten sie ihre Forschung durch eine sogenannte Tabletop-Übung, «eine Art Rollenspiel». Sie banden auch das Sicherheitspersonal am Flughafen ein und teilten es in Gruppen auf. Einige mimten Täter, andere übernahmen ihre alltägliche Rolle. Gemeinsam spielten sie am Tisch verschiedene Szenarien durch. «In einer spielerischen Situation ist es einfacher, sich ins Gegenüber zu versetzen», sagt Holenstein.
Die inhaltliche Forschung ist inzwischen abgeschlossen. Nun gehe es darum, die Erkenntnisse mit Partnern wie der Kantonspolizei zu besprechen. Sodass diese von der wissenschaftlichen Forschung im Alltag profitieren können.