Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Söldner im 16. Jahrhundert Tote und Verletzte statt kämpfende Helden: Urs Grafs Kriegstrauma

Der Solothurner Urs Graf lebte im 16. Jahrhundert. Seine Bilder erzählen Geschichten, die nun auch das Theater aufnimmt.

Ein Solothurner hat eine der blutigsten Niederlagen der Schweizer Geschichte erlebt: die Schlacht von Marignano 1515. Urs Graf (1485–1529) war als Söldner Teil der Schlacht. Nach Marignano hat er aber aufgehört, kämpfende Helden zu zeichnen. Er zeichnete vor allem Tote und Verletzte, «grauenhaft» seien seine Bilder, sagt eine Theaterregisseurin. Sie vermutet ein Kriegstrauma, zeigen ihre Recherchen für ein Theaterprojekt am Stadttheater Solothurn.

Die Schlacht von Marignano 1515

Box aufklappen Box zuklappen

«Die Schlacht von Marignano (heute Melegnano) war von entscheidender Bedeutung für die Schweizer Geschichte und gilt als eine der wichtigsten der Mailänderkriege», heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz.

Am 13. und 14. September 1515 unterlagen die Eidgenossen bei Marignano den Franzosen im Kampf um das Herzogtum Mailand.

«Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verherrlichte die schweizerische Geschichtsschreibung den Heldenmut der Eidgenossen in Marignano und überging stillschweigend die Kommando- und Disziplinprobleme», heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz weiter.

Die Niederlage von Marignano wurde zum Gründungsmythos der Schweizer Neutralität. Die eidgenössischen Orte gaben damals ihre Expansionspolitik auf.

Urs Graf wurde 1485 in Solothurn geboren. Sein Vater war Goldschmied. Damals erlernte man den Beruf des Vaters, was auch Urs Graf machte. Aber als sogenannter Reisläufer zog er in Kriege und führte ein abenteuerliches Leben. Reisläufer waren Fusssoldaten, die als Söldner dienten. Viele von ihnen stammten aus der Schweiz.

Rückansicht eines Mannes mit Stab, europäische Landschaft im Hintergrund.
Legende: «Reisläufer vor Seelandschaft in Rückansicht, 1514», heisst das Werk von Urs Graf. Er hat diverse Kupferstiche gemacht, in denen Reisläufer allein oder gemeinsam vorkommen. Kunstmuseum Basel

Graf verarbeitete seine Erlebnisse als Künstler auf Glasgemälden, Kupferstichen und Zeichnungen. Er zeichnet das Lagerleben der Söldner, seine Kriegserlebnisse. «Doch nach Marignano finden sich keine kämpfenden Helden mehr, er zeichnet nur noch Tote und Verletzte», heisst es in der Beschreibung des Theaterprojekts. Das Theaterorchester Biel Solothurn widmet deshalb Urs Graf ein Stück.

«Grauenhaft»

Im Fall von Urs Graf sehe man, dass Kriegstraumata schon damals ein Thema waren, sagt Katharina Ramser, Regisseurin des Theaterstücks in Solothurn. Urs Grafs Bild von der Schlacht in Marignano 1515 ist berühmt. «Wenn man es anschaut, ist es grauenhaft. Wenn man das genau studiert, sieht man, dass er dort ein Trauma mit nach Hause genommen hat», so Ramser.

Mittelalterliche Schlachtenszene, verwundete Soldaten im Wald.
Legende: Das bekannte Bild von Künstler und Söldner Urs Graf (1485–1529). Es trägt den Titel «Schlachtfeld, 1521». Kunstmuseum Basel

Grafs Kupferstich von der Schlacht in Marignano wurde zur Vorlage für Ferdinand Hodlers Bild derselben Schlacht.

Person betrachtet farbenfrohes historisches Wandgemälde.
Legende: Das Exponat «Rückzug von Marignano, 1897/98» von Ferdinand Hodler in der Ausstellung «1515 Marignano» im Landesmuseum Zürich. Keystone / Walter Bieri

Krieg und dessen Auswirkungen auf die Psyche faszinieren die Solothurner Theaterregisseurin Katharina Ramser. «Ein paar Sekunden verändern dein Leben für immer. Trigger katapultieren einen zurück, im Fall von Urs Graf in die Schlachtmomente.»

Zwei gefesselte Männer an Bäumen in einer surrealen Szene.
Legende: Das Werk «Gefolterte Männer an Bäumen, 1541» von Urs Graf. Folter, Krieg, Verwundete – hatte der Solothurner Söldner ein Kriegstrauma? Kunstmuseum Basel

Seit den 1980er-Jahren gibt es für Menschen mit Kriegserlebnissen unter anderem die mögliche Diagnose PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Im 16. Jahrhundert, als Urs Graf als Söldner in den Krieg zog, gab es diese Diagnose noch nicht.

Dunkle Seite des Solothurner Söldners

Dass Urs Graf aber nicht nur einer war, der viele Kriege überlebt hat, sondern auch in der Schweiz immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam, ist der Regisseurin des Theaterstücks bewusst.

Urs Graf musste auch ins Gefängnis. Er war seiner Frau gegenüber gewalttätig geworden. «Er wurde angeklagt, weil er seine Ehefrau geschlagen hatte.» Damals hatte der Mann das Recht, seine Frau zu züchtigen. «Wenn man wegen Gewalt in der Ehe ins Gefängnis musste, war es extrem», sagt Regisseurin Katharina Ramser.

Frauen im Krieg

Im Theaterstück über Urs Graf wird nicht nur sein Leben als Söldner thematisiert, sondern auch jenes der Trosserinnen. Frauen, die mit den Söldnern in den Krieg gezogen sind. Sie haben Material getragen, gekocht und Wunden gepflegt. Für viele sei es besser gewesen, als Trosserin in den Krieg zu ziehen, als als Bettlerin oder Prostituierte zu Hause zu bleiben, erklärt Theaterregisseurin Katharina Ramser.

Schwarz-weisse historische Zeichnung eines Ritters und eines Mönchs.
Legende: «Krieger und Dirne in Landschaft, 1516» – eine Federzeichnung von Urs Graf. Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Amerbach-Kabinett 1662

Würde Theaterregisseurin Ramser nach ihrer Recherche über Graf noch mehr wissen wollen? «Eine Zeitreise zu Urs Graf würde mich sehr interessieren. Erschütternd ist, dass sich seither vieles auch nicht verändert hat. Kriege – das ist immer wieder dasselbe.»

Urs Graf im Theater Solothurn und Biel

Box aufklappen Box zuklappen
Zwei Schauspieler in historischen Kostümen auf der Bühne.
Legende: Ein Eindruck aus dem aktuellen Stück im Stadttheater Solothurn. TOBS/ Janna Mohr, Günter Baumann, Joel Schweizer

Das Stück, das aktuell in Solothurn und später in Biel läuft, heisst «Urs Graf, zwischen Kunst und Krieg – ein Rechercheprojekt». Es ist eine Produktion des Theaterorchesters Biel Solothurn. Das Stück wird vom 6. Mai bis zum 30. Mai aufgeführt. Vier Schauspielerinnen und Schauspieler tragen Texte zur Schlacht von Marignano und heutigen Kriegserlebnissen als eine Art «Text-Collage» vor.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 6.5.2026, 17:30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel