Ein Solothurner hat eine der blutigsten Niederlagen der Schweizer Geschichte erlebt: die Schlacht von Marignano 1515. Urs Graf (1485–1529) war als Söldner Teil der Schlacht. Nach Marignano hat er aber aufgehört, kämpfende Helden zu zeichnen. Er zeichnete vor allem Tote und Verletzte, «grauenhaft» seien seine Bilder, sagt eine Theaterregisseurin. Sie vermutet ein Kriegstrauma, zeigen ihre Recherchen für ein Theaterprojekt am Stadttheater Solothurn.
Urs Graf wurde 1485 in Solothurn geboren. Sein Vater war Goldschmied. Damals erlernte man den Beruf des Vaters, was auch Urs Graf machte. Aber als sogenannter Reisläufer zog er in Kriege und führte ein abenteuerliches Leben. Reisläufer waren Fusssoldaten, die als Söldner dienten. Viele von ihnen stammten aus der Schweiz.
Graf verarbeitete seine Erlebnisse als Künstler auf Glasgemälden, Kupferstichen und Zeichnungen. Er zeichnet das Lagerleben der Söldner, seine Kriegserlebnisse. «Doch nach Marignano finden sich keine kämpfenden Helden mehr, er zeichnet nur noch Tote und Verletzte», heisst es in der Beschreibung des Theaterprojekts. Das Theaterorchester Biel Solothurn widmet deshalb Urs Graf ein Stück.
«Grauenhaft»
Im Fall von Urs Graf sehe man, dass Kriegstraumata schon damals ein Thema waren, sagt Katharina Ramser, Regisseurin des Theaterstücks in Solothurn. Urs Grafs Bild von der Schlacht in Marignano 1515 ist berühmt. «Wenn man es anschaut, ist es grauenhaft. Wenn man das genau studiert, sieht man, dass er dort ein Trauma mit nach Hause genommen hat», so Ramser.
Grafs Kupferstich von der Schlacht in Marignano wurde zur Vorlage für Ferdinand Hodlers Bild derselben Schlacht.
Krieg und dessen Auswirkungen auf die Psyche faszinieren die Solothurner Theaterregisseurin Katharina Ramser. «Ein paar Sekunden verändern dein Leben für immer. Trigger katapultieren einen zurück, im Fall von Urs Graf in die Schlachtmomente.»
Seit den 1980er-Jahren gibt es für Menschen mit Kriegserlebnissen unter anderem die mögliche Diagnose PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Im 16. Jahrhundert, als Urs Graf als Söldner in den Krieg zog, gab es diese Diagnose noch nicht.
Dunkle Seite des Solothurner Söldners
Dass Urs Graf aber nicht nur einer war, der viele Kriege überlebt hat, sondern auch in der Schweiz immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam, ist der Regisseurin des Theaterstücks bewusst.
Urs Graf musste auch ins Gefängnis. Er war seiner Frau gegenüber gewalttätig geworden. «Er wurde angeklagt, weil er seine Ehefrau geschlagen hatte.» Damals hatte der Mann das Recht, seine Frau zu züchtigen. «Wenn man wegen Gewalt in der Ehe ins Gefängnis musste, war es extrem», sagt Regisseurin Katharina Ramser.
Frauen im Krieg
Im Theaterstück über Urs Graf wird nicht nur sein Leben als Söldner thematisiert, sondern auch jenes der Trosserinnen. Frauen, die mit den Söldnern in den Krieg gezogen sind. Sie haben Material getragen, gekocht und Wunden gepflegt. Für viele sei es besser gewesen, als Trosserin in den Krieg zu ziehen, als als Bettlerin oder Prostituierte zu Hause zu bleiben, erklärt Theaterregisseurin Katharina Ramser.
Würde Theaterregisseurin Ramser nach ihrer Recherche über Graf noch mehr wissen wollen? «Eine Zeitreise zu Urs Graf würde mich sehr interessieren. Erschütternd ist, dass sich seither vieles auch nicht verändert hat. Kriege – das ist immer wieder dasselbe.»