Fliegen ist bei der Schweizer Bevölkerung so beliebt wie noch nie. Das zeigt die Entwicklung der Passagierzahlen an den Landesflughäfen in den letzten Jahren:
Nun kommen zwei repräsentative Umfragen, die unter anderem nach Ziel und Zweck einer möglichen Flugticket-Abgabe fragten, zu gegensätzlichen Ergebnissen: jene der Umweltorganisation Umverkehr (durchgeführt von GFS Zürich) und jene von Aviationsuisse (durchgeführt von Sotomo).
Während die Umverkehr-Umfrage eine deutliche Zustimmung zu einer Flugabgabe zur Stärkung des ÖV feststellt, ergibt jene von Aviationsuisse eine deutliche Ablehnung. Wie kann das sein? Der Politikwissenschaftler Bühlmann mit Erklärungsansätzen.
SRF News: Wie ist es möglich, dass zwei repräsentative Studien bei der gleichen Frage unterschiedliche Ergebnisse bekommen?
Marc Bühlmann: Auch wenn die Frage genau gleich ist – der Kontext der Fragestellung war unterschiedlich. Wir wissen aus der Befragungswissenschaft, dass es eine grosse Rolle spielt, wie eine Frage gestellt wird – und auch, welche anderen Fragen rund um diese eine Frage gestellt werden.
Kann man als Auftraggeber also sozusagen eine Umfrage bestellen, bei der das herauskommt, was man gerne möchte?
In der Tat soll bei Auftragsforschung ja nicht unbedingt das Gegenteil dessen herauskommen, was die Auftraggeberin oder der Auftraggeber gerne hören möchte. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass man Fragen so stellen kann, dass man die entsprechenden Antworten erhält. Das ist nicht falsch, das ist nicht gelogen – aber es hat eben auch mit Marketing zu tun.
Sind Umfrageergebnisse in solchen Fällen nicht irreführend?
Irreführend würde ich das nicht nennen. Aber: Eine Umfrage ist immer nur eine Momentaufnahme, und es gibt viele Kontextfaktoren, die in diesem Moment hineinspielen. Als Wissenschaftler weiss ich das, und muss das entsprechend berücksichtigen. Ich werde also nie sagen: Diese Studie beweist irgendetwas. Vielmehr kann eine Studie möglicherweise ein Indiz für etwas sein. Im vorliegenden Fall könnte ein Indiz für die beiden Studienergebnisse sein, dass eine Flugticket-Abgabe und deren Ausgestaltung in der Bevölkerung ziemlich umstritten sind.
Auch wissenschaftliche Informationen sollten wir nie als Beweise ansehen, sondern als Momentaufnahme.
Kann ein Auftraggeber eine Umfrage auch zur Manipulation der Bevölkerung nutzen?
Als Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz sind wir dazu angehalten, kritisch zu sein – auch bei Informationen aus der Wissenschaft. Wir sollten sie nie als Beweis ansehen, sondern als Momentaufnahme. Wissenschaftliche Ergebnisse sind Hilfen – auch, um eine Diskussion anzukurbeln. Die Politik wiederum benutzt die unterschiedlichen Argumente dann in ihrem Sinne.
Sind wir Bürgerinnen und Bürger denn kritisch genug gegenüber solchen Studien?
Der Mensch ist so gestrickt, dass wir gerne hören, was wir glauben – und wir fühlen uns dann in unserem Glauben bestätigt, wenn etwas in diese Richtung weist. Aber: Wir haben in der Schweiz die direkte Demokratie und die Medien, die uns dazu «zwingen», uns auch mit anderen Argumenten auseinanderzusetzen.
Das Wunderbare an der direkten Demokratie ist, dass eine Volksabstimmung eine echte Umfrage ist.
Und so kann man es sogar gut finden, wenn es mehrere Umfragen gibt, die zu unterschiedlichen Resultaten kommen. Und: Das Wunderbare an der direkten Demokratie ist doch, dass eine Volksabstimmung eine echte Umfrage ist. Alle, die wollen, können daran teilnehmen, und das Resultat widerspiegelt dann die effektiv vorherrschende Meinung.
Das Gespräch führte Matthias Baumer.