So bewegen sich die Menschen in der Schweiz längst nicht mehr nur innerhalb der Grenzen ihres Wohnkantons, weder im Beruf noch in der Freizeit. Genau das Gleiche gelte, wenn es um die Gesundheit gehe, sagt Alexander Geissler.
Der Ökonom an der Universität St. Gallen hat die Patientenströme anhand anonymisierter Spitalabrechnungen untersucht: «Die erste Frage, die wir uns gestellt haben: Wie verhalten sich Patientinnen und Patienten? Da haben wir festgestellt, dass die Kantonsgrenzen für einen Grossteil der Bevölkerung überhaupt gar keine Rolle spielen.»
Informationen zur Spitalqualität sind oft schwer zugänglich und kompliziert
In vielen Regionen würden sich 25 bis 50 Prozent der Menschen ausserkantonal behandeln lassen. Teils seien es auch deutlich mehr, so Geissler. Für den Studienautor ist klar, dass die räumliche Nähe bei der Spitalwahl nicht der entscheidende Punkt sein kann.
Aber was dann? Das war die zweite Frage, die sich Geissler und sein Team gestellt haben, weil, so genau wisse das eigentlich niemand: «Das müssen Erfahrungsberichte, Hinweise vom behandelnden Hausarzt oder Spezialisten oder aus der Familie sein. Weil unabhängige, validierte Qualitätsinformationen können es unserer Auffassung nach eigentlich nicht sein», sagt Geissler.
Es gibt Daten, um Spitalvergleiche anzustellen: die Fallzahl zum Beispiel. Also, wie häufig die Operation, die jemand braucht, in einem Spital vorgenommen wird. Sie ist ein Indikator für Qualität. Allerdings sind diese Informationen oft schwer zugänglich und eher schwierig zu interpretieren.
Peter Waldner, Klinischer Psychologe und Qualitätsexperte, will das mit der Website «welches-spital.ch» ändern. Waldner sagt: «Wir möchten, dass alle verstehen können, was die Qualitätsunterschiede zwischen den Spitälern sind. Diese Qualitätszahlen sind manchmal sehr kompliziert, oder sie werden auf komplizierte Weise publiziert und wir möchten sie greifbar machen.»
Das Vergleichsangebot werde zunehmend genutzt, sagt Waldner. Bei der Entscheidungsfindung sei die Mund-zu-Mund-Propaganda aber immer noch wichtiger: «Es gibt viele Leute, die sich auf Einzelfälle abstützen. Wir hoffen, dass Besuchende unserer Website merken, dass es validierte Zahlen gibt, die einem helfen können, eine gute Entscheidung zu treffen.»
Druck von der Strasse auf Spitalplanung nimmt zu
Der Nutzen solcher Angebote für die Patientinnen und Patienten ist das eine. Das andere ist der Effekt des öffentlichen Drucks. Zwar sind es die Kantone, die entscheiden, wo es welche Spitäler braucht. Aber wenn die Bevölkerung öfter danach entscheidet, wie gut ein Spital bei einem Eingriff abschneidet oder ob es empfohlen wurde, setzt das einen sich selbst verstärkenden Prozess in Gang.
Immer mehr Menschen gehen in immer weniger Spitäler. Man könnte auch sagen: Der Druck von der Strasse auf die Spitalplanung, also der Druck der Konsumierenden, nimmt zu. Ein weiterer Faktor, der diese Flurbereinigung beschleunigt: Die öffentlichen Finanzen werden knapper. Die Kantone sind weniger bereit, jedes Spital zu erhalten. Und schliesslich sind auch die Spitäler selbst zunehmend daran interessiert, anhand von Qualitätskennzahlen zu zeigen, was sie jeweils auszeichnet.