Hunderte Menschen, die von der Kirche zum Unglücksort laufen. Schweigend, aber vereint in der Trauer um die Opfer der Brandkatastrophe. Als die Einsatzkräfte erscheinen, brandet Applaus auf. Minutenlang.
Das Gedenken vom Sonntag verlieh einem Gefühl Ausdruck, das viele Menschen erfasst hat, weit über die Walliser Gemeinde hinaus: eine tiefe Betroffenheit, ein Bedürfnis, das Geschehene zu verarbeiten.
Warum Trauern wichtig ist
Im Kreis der Familie, bei der Arbeit, auf den sozialen Medien: Die schrecklichen Bilder aus Crans-Montana wirken noch immer nach. Fahnen stehen auf Halbmast. Der Bund hat ein Kondolenzbuch für die Opfer des Unglücks aufgeschaltet.
«Wir spüren eine unglaubliche kollektive Trauer. Sie ist sehr wichtig und hat eine unglaubliche Kraft», sagt die Trauerbegleiterin Zakia Curmally. Warum die kollektive Trauer so wichtig ist, erklärt die psychosoziale Beraterin mit zwei Worten: «Sie trägt.»
Curmally berührt die «Fürsorge füreinander», die sich in diesen Tagen zeige. «Wenn so junge Menschen sterben, wird auch eine Art von Liebe freigesetzt, die enorm Kraft gibt.»
Nationaler Trauertag am Freitag
Die gemeinsame Anteilnahme, das Zusammenstehen, macht nichts ungeschehen. Wie die Direktbetroffenen leiden, können Aussenstehende kaum nachfühlen. Dutzende Schwerstverletzte liegen in den Spitälern, ihre Angehörigen hoffen und bangen.
Man fühlt sich gesehen, und zwar im Grossen.
Und doch könne die kollektive Trauer auch ihnen helfen, ist Curmally überzeugt. «Sie fühlen sich gesehen und ernst genommen. Das hilft sehr in solchen Momenten. Einsamkeit in Kombination mit Trauer ist verheerend.»
Am Freitag findet ein nationaler Trauertag statt. Als Zeichen der Verbundenheit läuten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken. Es wird eine Schweigeminute geben. «Auch hier fühlt man sich gesehen, und zwar im Grossen», sagt Curmally. «Diese Erinnerung kann nachwirken, auch wenn das bei jeder Familie und jedem Menschen verschieden ist.»
Die Urangst, ein Kind zu verlieren
An vielen Orten in der Welt gibt es unermessliches Leid, gerade in Krisen- und Kriegsgebieten. Oft trifft es die Schwächsten. Für die Philosophin Barbara Bleisch ist unsere Reaktion aber nur natürlich. «Wir reagieren besonders empathisch, wenn uns eine Situation vertraut erscheint.»
Auf viele Menschen würde das Unglück unmittelbar einwirken. «Sie fragen sich, ob es nicht auch sie hätte treffen können, wie sie damit umgehen würden, wenn ihr eigenes Kind dort gewesen wäre.»
Das sieht auch die Trauerbegleiterin Zakia Curmally so. «Wenn Kinder sterben, weckt das eine Urangst.» Die Brandkatastrophe lasse bei Eltern einen fürchterlichen Film im Kopf ablaufen. Die Vorstellung, dass dem eigenen Sohn, der eigenen Tochter so etwas passieren könnte.
Zudem würden die Bilder von trauernden Menschen in Crans-Montana auch diejenigen berühren, die schon selber Verluste erlitten hätten. In ihnen kommen Erinnerungen hoch, wie sie selbst mit dem Schmerz umgegangen sind.
Bundespräsident Guy Parmelin zeigte sich in Crans-Montana tief bewegt. Und verknüpfte die kollektive Trauer mit einer kollektiven Verpflichtung: «Die Opfer waren jung, voller Hoffnungen und Pläne. Wir gedenken ihrer, indem wir dafür sorgen, dass sich so eine Tragödie nie wiederholt. Das sind wir ihnen schuldig.»