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Tragödie in Crans-Montana Zwischen Erstarren wollen und Weitermachen müssen

Crans-Montana steckt eigentlich mitten in der touristischen Hochsaison. Doch die Brandkatastrophe verändert viel. Jetzt muss der Ferienort seinen Weg finden zwischen Pietät und Alltag: Es muss den Gefühlen der Angehörigen gerecht werden, aber auch den Bedürfnissen der Feriengäste nachkommen.

Mitten im Skiort von Crans-Montana hat es eine kleine Eisbahn. Kinder wagen hier ihre ersten Versuche auf dem Eis. Daneben gibt es etliche Restaurants. Auf den Sonnenterrassen sind an diesem Nachmittag alle Plätze belegt.

Die Leute flanieren in der Sonne. Es sei aber anders als sonst, sagt eine Besitzerin einer Ferienwohnung aus dem Kanton Aargau, die mit ihrem Hund durch den Ort spaziert. «Die Stimmung ist ruhiger. Bedrückt, finde ich. Denn normalerweise ist um die Weihnachtszeit immer sehr viel los. Es ist laut und lebendig. Und jetzt ist es definitiv gesetzter.»

Sonnenblume mit Zettel mit Herzchen drauf
Legende: In der Nähe des Unfallorts hat jemand eine Sonnenblume angebracht. Darauf ein Zettel mit einer liebevollen Botschaft. Keystone/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Ein Ehepaar aus Korsika spaziert entlang eines zugefrorenen Weihers. Sie haben von Freunden erfahren, was passiert ist. Morgen reisen sie ab, und das sei gut so. Denn die lockere Ferienstimmung sei passé.

Wir gehen jetzt spazieren, geniessen das Wetter und lenken uns eigentlich ein bisschen ab von dem Ganzen.
Autor: Urlauberin aus Brig

Eine heftige Nacht

Wenige hundert Meter vom Unglücksort entfernt hat ein junges Walliser Pärchen in einem Hotel die Nacht verbracht. Wegen der Helikopter und Rettungsfahrzeuge hätten sie kaum geschlafen. Vor allem, als sie realisierten, was geschehen ist. «Die Nacht war relativ heftig. Das wünscht man keinem Mensch. Mir geht das extrem unter die Haut.»

Betroffener Nathan: «Wie ein Albtraum, aus dem ich nicht erwache»

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Gesicht eines jungen Mannes
Legende: SRF

Nach dem Unglück berichten immer mehr Augenzeugen. Einer von ihnen ist Nathan. Er war selbst in der Bar, die brannte, und ist dem Inferno nur knapp entkommen. Er hat mehrere Freunde verloren.

«Ich stehe noch unter Schock und realisiere nicht, was passiert ist. Es ist wie ein Albtraum, aus dem ich nicht erwache. Ich konnte die ganze Nacht keine Sekunde schlafen. Wenn ich die Augen zumachte, sah ich alles vor mir. Ich habe Leute gesehen, die reanimiert wurden, die komplett verbrannt waren. Ich habe Leute sterben sehen. Das ist alles sehr schwer für mich.»

Und dennoch: Das Paar aus Brig will seine Kurzferien nicht beenden. Es sei sicher nicht so, wie man sich das vorgestellt habe. Aber wegen des Unglücks abreisen, das wollten sie nicht. «Wir geniessen es doch noch irgendwie, den Tag, den wir noch hier sind. Wir gehen jetzt spazieren, geniessen das Wetter und lenken uns eigentlich ein bisschen ab von dem Ganzen.»

In Crans-Montana geht der Ferienalltag weiter. Die Skilifte sind geöffnet, die Geschäfte auch. Doch vor allem am Unglücksort merkt man deutlich, dass etwas nicht stimmt. Die Polizei hat die Strasse abgesperrt. Es hat sehr viele Journalistinnen und Journalisten aus der Schweiz und dem Ausland. Menschen legen Blumen auf der Strasse ab.

Wir haben auf der einen Seite die Gäste, die weiterhin hierbleiben (...). Auf der anderen Seite haben wir diese grosse Trauer, diese Betroffenheit, diese Familien.

Quälende offene Fragen

Auch der Walliser Regierungsrat Mathias Reynard ist im Dorf. Er macht sich ein Bild der Lage. Gerade erst habe er mit Angehörigen gesprochen. Das sei sehr schwer gewesen. Schwierig, weil man derzeit noch so wenig wisse. «Zu sagen, wir wissen nichts, wir haben keine Antwort auf diese Fragen – ja, das habe ich gemacht. Ich glaube, das war meine Aufgabe: diese Familien treffen.»

Noch immer ist nicht klar, wie viele Menschen genau gestorben sind. Und trotzdem hält Crans-Montana den Ferienbetrieb aufrecht. Es sei ein schwieriger Spagat, sagt Tourismuschef Bruno Huggler. «Wir haben auf der einen Seite die Gäste, die weiterhin hierbleiben, die ihren Urlaub weiterführen wollen, die auch das Angebot von Restaurants, Geschäften in Anspruch nehmen wollen. Auf der anderen Seite haben wir diese grosse Trauer, diese Betroffenheit, diese Familien. Und wir müssen irgendwie auch Respekt zollen diesen Angehörigen, Familien der Opfer.»

Ein Polizist schaut auf den Tatort, während ein Schneesportler, die Skis gebuckelt, durch das Dorf läuft.
Legende: Ein Polizist schaut auf den Tatort, während ein Schneesportler, die Skis gebuckelt, durch das Dorf läuft. Reuters/Denis Balibouse

Bei der Eisbahn habe man deshalb die Musik abgestellt, Bars bleiben heute Abend geschlossen. Wie es danach weitergehe, wisse man noch nicht. Klar ist: Die Zeit über den Jahreswechsel ist für diese Tourismusregion die wichtigste im Jahr. 30'000 bis 40'000 Gäste sind im Dorf, die Hotels fast komplett ausgebucht. Crans-Montana – ein Ort, in dem heute grosse Trauer und Feriengefühle aufeinanderprallen.

 

Echo der Zeit, 01.01.2026, 18 Uhr

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