Der Mann, der sich in Kerzers FR in einem Postauto angezündet und sechs Menschen mit in den Tod gerissen hat, war laut den Behörden randständig, hatte psychische Probleme und war aus einer Klinik geflohen.
Laut dem Staatsanwalt war der rund 60-jährige Mann eher im Bereich der Medizin bekannt als im Bereich der Strafverfolgung. Offenbar war der Mann also nicht vorbestraft, aber psychiatrisch auffällig.
Es kann aber im Kontext einer Psychose passieren, im Zuge einer starken, wahnhaften Erkrankung.
Wenn sich Menschen selber anzünden, täten sie dies oft aus politischem Protest, sagt Jérôme Endrass. Er ist Professor für forensische Psychologie an der Universität Konstanz. «Es kann aber auch im Kontext einer Psychose passieren, im Zuge einer starken, wahnhaften Erkrankung.»
Herausfinden, was mit dem Mann los war
Das Wenige, das im Fall von Kerzers bekannt ist, weise eher nicht auf politischen Protest hin, so Endrass. Darum müsse man nun mehr herausfinden – durch eine psychologische Autopsie.
Dabei versuche man, die Krankengeschichte des Mannes nachzuzeichnen. «So kann man möglicherweise ein Motiv für die Tat erschliessen.» Eine solche Aufarbeitung könnte Spuren zutage bringen, welche die Tat erklären und auf eine Absicht hinweisen.
Es ist dies eine Suche in der seelischen Geschichte dieser Person. Vielleicht finde man dort Antwort-Bruchstücke auf Fragen wie: Wollte sie nur sich töten? Oder wollte sie bewusst andere Menschen ins Unglück reissen?
Dann könne man vielleicht auch etwas dazu sagen, ob der Mann dieses Postauto bewusst als öffentlichen Tatort ausgewählt hat. Hört man Endrass zu, scheint das Postauto eher Zufallsort der Tragödie zu sein. Es sei ihm kein Fall bekannt, in dem eine Person den öffentlichen Verkehr zielgerichtet aufgesucht habe, um sich selber anzuzünden.
Kaum vergleichbare Fälle
Er könne diesen Fall mit nichts Vergleichbarem in Verbindung bringen, sagt Endrass. In seinen Erklärungen kommt er immer wieder auf eine mögliche starke Wahnhaftigkeit, auf eine starke psychiatrische Auffälligkeit zu sprechen.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man im Vorfeld etwas hätte sehen können.
In ihm bekannten Fällen von Personen, die sich selber angezündet hätten, sei dies in einer extremen Psychose passiert. «Sie hatten eine komplette Realitätsverkennung und waren nicht mehr in der Lage, zu begreifen, was um sie herum passiert – sie waren in ihrem Wahnzustand gefangen, als sie sich dies angetan haben.» Solche Fälle kämen extrem selten vor.
Möglicherweise kaum zu verhindernde Tat
Hätte es im aktuellen Fall nicht Anzeichen geben sollen, die ihn möglicherweise hätten verhindern helfen können? Zwar gehe es diesen Menschen im Vorfeld einer solchen Tat sehr schlecht, oder sie seien aggressiv angetrieben, so Endrass. Doch: «Von 1000 Menschen, die diese Kriterien erfüllen, schreitet nur einer zu einer solchen Tat.»
Und weil die Person im vorliegenden Fall strafrechtlich wohl nicht aufgefallen sei und «nur» psychisch auffällig war, «ist es sehr unwahrscheinlich, dass man im Vorfeld etwas hätte sehen können», kommt Endrass zum Schluss.
Derzeit wisse man nur sehr wenig über diese Person – letztlich eigentlich nur, dass der Mann durch seine Tat eine Katastrophe verursacht hat.