Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Umweltsünden Wie sich der Umweltschutz im Aargau verändert hat

Vor 40 Jahren gründeten die Kantone erste Umweltabteilungen. Noch heute kämpfen sie mit den Sünden der Vergangenheit.

Wer in der Schweiz einen Kaugummi oder Zigarettenstummel auf den Boden wirft, wird gebüsst oder zumindest mit einem bösen Blick bestraft. Kaum vorstellbar, dass stinkende Abfallberge in offenen Deponien am Dorfrand vor einigen Jahrzehnten noch ganz normal waren.

Bulldozer in einer Mülldeponie mit Müllhaufen.
Legende: Berge von Abfall in den Deponien an den Dorfrändern – heute unvorstellbar. ZVG

Erst Ende der 1970er-Jahre wachsen die Sorgen über die Folgen der Umweltsünden. 1985 tritt das nationale Umweltschutzgesetz in Kraft. Damit sind auch die Kantone in der Pflicht, sich um das Thema zu kümmern. Im Aargau entsteht – wie in vielen anderen Kantonen – eine Abteilung für Umwelt. Vierzig Jahre später ist ihre Arbeit nicht weniger geworden, nur die Schwerpunkte haben sich geändert.

Wachstum wichtiger als Umwelt

Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt die Schweiz einen Wirtschaftsboom. Fabriken produzieren auf Hochtouren, Autobahnen werden gebaut, neue Kraftwerke und Wohnsiedlungen entstehen. Die Kehrseite des Fortschritts: Die Umwelt spielt damals eine untergeordnete Rolle.

Abfälle landen auf Deponien am Dorfrand, Gewässer werden belastet. In den 1970er-Jahren stellen Fachleute etwa erhöhte Nitratwerte im Grundwasser fest. Als mögliche Ursachen gelten Überdüngung und der Einsatz von Klärschlamm.

Wasserhahn füllt eine Badewanne mit braunem Wasser.
Legende: Zu hoher Nitratgehalt im Trinkwasser: SRF berichtete 1983 über das Problem in der Berner Gemeinde Worb. Archiv SRF

Als das Thema Umweltschutz wichtiger wurde, sei das vor allem bei den Jüngeren gut angekommen, erinnert sich Fritz Zimmermann, der damals als Umweltkontrolleur bei der Aargauer Abteilung für Umwelt arbeitete. «Die ältere Generation konnte mit dem Umweltschutz nicht viel anfangen.»

Bauer lässt Feld von Kontrolleur pflügen

Diese Einstellung zeigte sich auch im Arbeitsalltag. Als Fritz Zimmermann einen Bauern wegen eines verunreinigten Bachs kontrolliert, erklärt ihm dieser, dass er die nötigen Unterlagen schon holen könne. Zimmermann müsse in dieser Zeit einfach für ihn das Feld pflügen. «Das habe ich dann auch gemacht», erzählt Zimmermann. Der Bauer sei erst nach zwei Stunden zurückgekommen, als das Feld fertig gepflügt war.

Eines der grossen Themen in den Anfängen war für Zimmermann die Sondermülldeponie Kölliken. Sie geht als «grösste Altlast der Schweiz» in die Geschichte ein.

Die Geschichte der Sondermülldeponie Kölliken

35 Jahre war Zimmermann Umweltkontrolleur, bis er vor rund zehn Jahren pensioniert wurde. Wenn er zurückblicke, falle ihm auf: «Früher waren die Umweltprobleme sichtbarer: Rauch, eine Deponie, die stinkt, Schaum im Wasser.» Heute seien diese Verschmutzungen häufig nicht mit blossem Auge erkennbar.

Die Sünden der Vergangenheit «aufräumen»

Mit diesen Problemen beschäftigt sich im Aargau heute Heiko Loretan, Leiter der Abteilung für Umwelt. «Es sind immer noch viele Gifte in Umlauf, häufig wegen Chemikalien, die früher eingesetzt worden waren.» Ein grosses Thema seien PFAS – Chemikalien, die kaum mehr aus der Umwelt verschwinden.

Zwei Männer stehen lächelnd nebeneinander vor einem Fahrzeug mit Schriftzug.
Legende: Heiko Loretan (links) ist der heutige Leiter der Aargauer Abteilung für Umwelt. Fritz Kaufmann arbeitete 35 Jahre als Umweltkontrolleur. Vor rund zehn Jahren wurde er pensioniert. SRF/Alex Moser

«Vor vierzig Jahren hatte man noch das Gefühl, es sei eine gute Idee, Klärschlamm als Dünger zu benutzen», erklärt Loretan. Heute müsse man sich nun darum kümmern, wie man die daraus entstandene Verschmutzung mit PFAS wieder aus dem Boden rausbekommt.

Was sind PFAS?

Box aufklappen Box zuklappen

PFAS steht für Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Chemikalien dieser Gruppe schlummern überall. Im Boden, in Lebensmitteln, im Grundwasser, in der Luft. PFAS sind zwar nicht akut, aber chronisch giftig. Sie reichern sich in der Umwelt und im menschlichen Körper an.

Von einigen PFAS weiss man inzwischen, dass sie gesundheitsschädigend sind. Sie beeinträchtigen etwa die Leber- und Nierenfunktion oder auch das Immunsystem. Zudem können sie Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben und krebserregend sein.

PFAS bauen sich in der Umwelt und im menschlichen Körper kaum ab und werden deshalb auch «Ewigkeitschemikalien» genannt.

Auch neue Probleme beschäftigen die Umweltabteilungen, wie die Strahlung im Zusammenhang mit 5G-Antennen, Diskussionen um Kläranlagen oder den Grundwasserschutz.

Dennoch sei in den letzten vierzig Jahren viel passiert, betont Loretan: «In meinem Heimatdorf im Oberwallis war ich damals der einzige Umweltschützer und wurde belächelt. Heute haben wir es geschafft, die Gesellschaft für das Thema Umwelt zu sensibilisieren.»

Regionaljournal Aargau Solothurn, 6.7.2026, 17.30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel