Valérie Dittli muss sich entscheiden: Bleibt sie bis zu den Gesamterneuerungswahlen im nächsten Jahr in der Waadtländer Regierung? Strebt sie gar eine Wiederwahl an? Oder tritt sie vorzeitig zurück?
Am Dienstagabend tagen die Delegierten der Waadtländer Mitte-Partei. Die 33-jährige aus Zug stammende Mitte-Politikerin dürfte an der Delegiertenversammlung auch die Situation thematisieren. Die Zeichen verdichten sich, dass sie die Legislatur beenden wird.
«Wollte nur Probleme des Vorgängers lösen»
Doch der Druck auf Valérie Dittli ist enorm. Die von der FDP angeführten Regierungskolleginnen und -kollegen sprechen von «zerstörtem Vertrauen». Der Kantonsrat fordert ihren Rücktritt. Dabei geht vergessen: Bei Winzern und Landwirten geniesst Dittli weiterhin grosse Unterstützung.
Auch Winzer Philippe Gex aus Yvorne, einer der besten und bekanntesten seines Fachs, verteidigt Dittli. Gex, sein Leben lang stolzer Freisinniger, Jugendrichter und Gemeindepräsident, macht sich Sorgen. «Wie kann man eine junge Frau kreuzigen und über die Missstände, die sie im Kanton Waadt aufdeckte, einfach schweigen?», fragt er rhetorisch.
Mit Missständen meint Gex die illegale Steuerpraxis, dank der Unternehmer mit Aktien am eigenen Unternehmen während zwölf Jahren Steuergeschenke bekamen. Dem Staat entgingen Hunderte Millionen Franken.
Erst Valérie Dittli brachte die unter Vorgänger Pascal Broulis eingeführte Praxis ans Licht und überwarf sich dabei mit Kadermitarbeitern. Im März 2025 setzten die Regierungskollegen Dittli als Finanzdirektorin ab; für Philippe Gex ein Fehlentscheid. Sie habe nur Probleme regeln wollen, die ihr Vorgänger ihr hinterlassen habe.
FDP den Rücken gekehrt
Auch die neuesten Vorwürfe sind für Gex nicht nachvollziehbar. Valérie Dittli setzte 2024 den Präsidenten der kantonalen Kommission für ländlichen Grundbesitz ab, sie warf dem Juristen Befangenheit vor.
Dieser reichte eine Strafanzeige gegen sie ein. Er zog die Anzeige wieder zurück, nachdem Dittli ihm zwei Mandate über insgesamt 40’000 Franken erteilt hatte. Die Regierung sagt, sie habe von den Mandaten nichts gewusst.
Gex sagt: «Wenn die Waadt nur solche Probleme hätte, hätte sie keine Probleme.» Die von der FDP angeführte Regierung versage komplett. In seiner Wut und Enttäuschung ist der Winzer aus der FDP ausgetreten. Stattdessen hat er ein Unterstützungskomitee für Valérie Dittli gegründet. Gemäss Gex sind dem Komitee mehrere Hundert Personen beigetreten. In der Mehrheit seien es Freisinnige.
Wie entscheidet sich Dittli?
Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor der Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche», hat Verständnis für Philippe Gex’ Haltung. Über Valérie Dittli sagt er: Der Regierung gehe es heute nur noch darum, Dittli zu diskreditieren, statt Probleme zu lösen. Doch Rothenbühler sah die Probleme kommen. Für die kantonale Politik sei die Wahl einer Zugerin in die Regierung «eine furchtbare Erfahrung gewesen».
Valérie Dittli rät er, bis zum Ende der Legislatur in der Regierung zu bleiben. Auch Philippe Gex wünscht sich, dass sie Politikerin bleibt, in welcher Funktion auch immer. Am Ende müsse Dittli aber selbst entscheiden, was für sie das Beste ist.