Die Vorwürfe sind kaum zu fassen. Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren soll der deutsche Schauspieler Christian Ulmen in sozialen Netzwerken Fake-Profile von seiner Ex-Frau Collien Fernandes erstellt haben. Über diese Profile soll er dann etliche Männer kontaktiert, mit ihnen intime Gespräche geführt und dabei auch pornografische, mithilfe von künstlicher Intelligenz hergestellte Bilder und Videos verschickt haben, die Fernandes zeigen sollen.
Was ihr widerfahren sei, sei «virtuelle Vergewaltigung», sagte Fernandes. Sie beschrieb das Erlebte als demütigend und traumatisierend, aber sie wolle jetzt darüber sprechen und eine öffentliche Debatte anstossen. Ihr Fall sei kein Einzelfall, sondern Teil eines grösseren Problems digitaler Gewalt gegen Frauen.
Auch in der Schweiz wird seit letzter Woche intensiv über den Fall Ulmen/Fernandes diskutiert. In den sozialen Medien gibt es unzählige Wortmeldungen. Auffällig viele von jungen Frauen, die sich mit Fernandes solidarisieren – und die teilweise auch wütend sind: auf Männer, auf die Politik, auf ein System, das solche Fälle immer wieder zulässt.
Öffentlicher Druck auf die Politik
«Ich kann diese Wut nachvollziehen», sagt Julia Meier von der feministischen NGO Brava, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt. «Es ist frustrierend, dass solche Taten immer und immer wieder passieren und sich nichts zu ändern scheint.»
Dass Fernandes ihren Fall nun öffentlich gemacht hat, sei «enorm wertvoll und mutig», sagt Meier. «Das führt dazu, dass wir über geschlechtsbezogene Gewalt sprechen, dass öffentlicher Druck entsteht auf die Politik.» Beispielsweise um Gesetze gegen neue, digitale Formen der sexualisierten Gewalt zu erlassen, «die man sich bis jetzt noch gar nicht hat vorstellen können».
Verunsicherung bei jungen Männern
Solidarität für Fernandes gibt es indes auch von vielen jungen Männern. Wobei diesen Männern dann zuweilen ebenfalls Wut entgegenschlägt. Wut, weil sie gegen männliche Gewalt nicht mehr unternommen hätten.
Michael Koger ist Co-Leiter von «OH BOY*», einer Fachstelle für geschlechterreflektierte Jungenarbeit. Er sagt, es gebe viele junge Männer, die verunsichert seien. Sie befänden sich irgendwo zwischen den Ansprüchen an sie, empathisch und achtsam zu sein und Geschlechterstereotypen zu hinterfragen, und den Anwerbeversuchen von hypermaskulinen Männern im Internet, aus der sogenannten Manosphere.
Ein Graben zwischen den Geschlechtern
Koger und Meier beobachten in ihrem Alltag beide, dass – gerade bei jüngeren Menschen – ein Graben zwischen den Geschlechtern aufgeht. Dies zeigen auch diverse Umfragen. «Das ist eine Tendenz, der wir entgegenzuwirken versuchen», sagt Koger. «Wir versuchen den Jungs zu sagen, dass sie nicht schuld an der Welt sind, wie sie heute ist, aber dass sie die Verantwortung übernehmen können, etwas zu ändern – und dass sie letztlich auch selbst davon profitieren.»
Gerade für junge Männer in der Adoleszenz sei es wichtig, ältere, männliche Bezugspersonen zu haben, die Vorbilder seien. «Männer, die bei einem sexistischen Spruch beim Sport oder am Arbeitsplatz intervenieren und Jugendlichen zeigen, wie ein Mann für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung einsteht.»