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«Virtuelle Vergewaltigung» Debatte um Fall Ulmen: Zwischen Wut und Solidarität

Die Enthüllungen sorgen im Netz für Empörung und entfachen eine Auseinandersetzung um sexualisierte Gewalt.

Die Vorwürfe sind kaum zu fassen. Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren soll der deutsche Schauspieler Christian Ulmen in sozialen Netzwerken Fake-Profile von seiner Ex-Frau Collien Fernandes erstellt haben. Über diese Profile soll er dann etliche Männer kontaktiert, mit ihnen intime Gespräche geführt und dabei auch pornografische, mithilfe von künstlicher Intelligenz hergestellte Bilder und Videos verschickt haben, die Fernandes zeigen sollen.

Wie kam der Fall ans Licht?

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Öffentlich gemacht hat den Fall das Magazin «Der Spiegel» am letzten Donnerstag. Fernandes legte in dem Artikel ihre Anschuldigungen dar und beklagte, Opfer digitaler Gewalt geworden zu sein. Sie habe Anzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet.

Christian Ulmen selbst hat sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäussert. Sein Anwalt hat derweil angekündigt, rechtlich gegen die Berichterstattung vorzugehen und spricht von einseitigen und zum Teil falschen Darstellungen. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Was ihr widerfahren sei, sei «virtuelle Vergewaltigung», sagte Fernandes. Sie beschrieb das Erlebte als demütigend und traumatisierend, aber sie wolle jetzt darüber sprechen und eine öffentliche Debatte anstossen. Ihr Fall sei kein Einzelfall, sondern Teil eines grösseren Problems digitaler Gewalt gegen Frauen.

Zwei Personen posieren vor rosa Hintergrund bei einer Veranstaltung.
Legende: Collien Fernandes und Christian Ulmen heirateten im Jahr 2011 – seit Februar 2026 sind sie geschieden. Keystone / CARSTEN KOALL

Auch in der Schweiz wird seit letzter Woche intensiv über den Fall Ulmen/Fernandes diskutiert. In den sozialen Medien gibt es unzählige Wortmeldungen. Auffällig viele von jungen Frauen, die sich mit Fernandes solidarisieren – und die teilweise auch wütend sind: auf Männer, auf die Politik, auf ein System, das solche Fälle immer wieder zulässt.

Öffentlicher Druck auf die Politik

«Ich kann diese Wut nachvollziehen», sagt Julia Meier von der feministischen NGO Brava, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt. «Es ist frustrierend, dass solche Taten immer und immer wieder passieren und sich nichts zu ändern scheint.»

Menschenmenge bei Protest mit Schild 'Danke Collien'.
Legende: Mehrere tausend Menschen nahmen am Sonntag in Berlin an einer Solidaritätsdemo für Fernandes teil. Keystone / CLEMENS BILAN

Dass Fernandes ihren Fall nun öffentlich gemacht hat, sei «enorm wertvoll und mutig», sagt Meier. «Das führt dazu, dass wir über geschlechtsbezogene Gewalt sprechen, dass öffentlicher Druck entsteht auf die Politik.» Beispielsweise um Gesetze gegen neue, digitale Formen der sexualisierten Gewalt zu erlassen, «die man sich bis jetzt noch gar nicht hat vorstellen können».

Deutschland plant Gesetz «zum Schutz digitaler Gewalt»

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In Deutschland hat nach Bekanntwerden des Falls die deutsche Justizministerin Stefanie Hubig in den Medien angekündigt, dass die Herstellung und Verbreitung von sexualisierten Deepfakes ausdrücklich unter Strafe gestellt werden soll. Auch Politikerinnen seitens der Grünen und Linken fordern im Deutschen Bundestag eine Anpassung des Strafrechts. Laut Hubig soll ein «Gesetz zum besseren Schutz vor digitaler Gewalt» schon Ende März im Kabinett zur Abstimmung kommen. Die NZZ zitiert Berichte, nach denen mit dem neuen Gesetz bei der Herstellung und Verbreitung pornografischer Deepfake-Videos bis zu zwei Jahre Gefängnisstrafe drohen sollen.

Auch in der Schweiz führte der Fall Ulmen zu Äusserungen von Politikerinnen und Politikern. SP-Nationalrat Cedric Wermuth schreibt etwa, dass man zwar von schärferen Strafen reden könne, aber vor allem bei der Verhinderung von struktureller Gewalt ansetzen müsse.

Verunsicherung bei jungen Männern

Solidarität für Fernandes gibt es indes auch von vielen jungen Männern. Wobei diesen Männern dann zuweilen ebenfalls Wut entgegenschlägt. Wut, weil sie gegen männliche Gewalt nicht mehr unternommen hätten.

Menschenmenge mit Schild vor dem Brandenburger Tor, Berlin.
Legende: Der Spruch «Die Scham muss die Seite wechseln» stammt vom französischen Vergewaltigungsopfer Gisèle Pelicot. Keystone / CLEMENS BILAN

Michael Koger ist Co-Leiter von «OH BOY*», einer Fachstelle für geschlechterreflektierte Jungenarbeit. Er sagt, es gebe viele junge Männer, die verunsichert seien. Sie befänden sich irgendwo zwischen den Ansprüchen an sie, empathisch und achtsam zu sein und Geschlechterstereotypen zu hinterfragen, und den Anwerbeversuchen von hypermaskulinen Männern im Internet, aus der sogenannten Manosphere.

Ein Graben zwischen den Geschlechtern

Koger und Meier beobachten in ihrem Alltag beide, dass – gerade bei jüngeren Menschen – ein Graben zwischen den Geschlechtern aufgeht. Dies zeigen auch diverse Umfragen. «Das ist eine Tendenz, der wir entgegenzuwirken versuchen», sagt Koger. «Wir versuchen den Jungs zu sagen, dass sie nicht schuld an der Welt sind, wie sie heute ist, aber dass sie die Verantwortung übernehmen können, etwas zu ändern – und dass sie letztlich auch selbst davon profitieren.»

Gerade für junge Männer in der Adoleszenz sei es wichtig, ältere, männliche Bezugspersonen zu haben, die Vorbilder seien. «Männer, die bei einem sexistischen Spruch beim Sport oder am Arbeitsplatz intervenieren und Jugendlichen zeigen, wie ein Mann für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung einsteht.»

Diskutieren Sie mit:

SRF 4 News, News Plus, 20.3.2026, 16 Uhr; wilh

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