Bergsteigerin Evelyne Binsack, Pionier Albin Schelbert und Dokumentarfilmer Frank Senn schauen in der Tagesgespräch-Sommerserie auf ihre Expeditionen zurück. Welche Spuren haben sie in der Natur hinterlassen – und welche Spuren die Natur bei ihnen?
SRF News: Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Expeditionen die Natur tangieren?
Evelyne Binsack: Am Nordpol schoss ein Teammitglied auf einen Eisbären. Das war für mich ein Augenöffner. Mir ist dort klar geworden, dass wir in die Natur eingreifen und mir dieser Preis zu hoch ist. Es hat mein Empfinden damals stark getrübt. Ich habe am Nordpol sogar mit Fieberschüben reagiert.
Albin Schelbert: Ich frage mich immer wieder, warum alle an den gleichen Ort gehen müssen. Es gibt so viele tolle Berge im Himalaja, die noch unbestiegen sind. Es wäre doch viel spannender, dorthin zu gehen, anstatt immer nur auf den höchsten Gipfel.
Frank Senn: Am Mount Everest herrscht Dichtestress, mit überfüllten Routen und einem ausufernden Helikoptergeschäft. Mit diesen Eindrücken ist der Name meiner letzten Dokumentarfilmreihe entstanden: «Wahnsinn am Everest». Doch das ist unsere westliche Sicht. Die nepalesische Regierung spricht von einem blühenden Geschäft. Offensichtlich ist der Klimawandel: Der Khumbu-Gletscher hat sich massiv zurückgezogen. Evelyne, du würdest den Berg nicht wiedererkennen, so sehr hat er sich verändert, seit du vor 25 Jahren auf dem Gipfel warst.
Am Südpol bin ich an mein körperliches und mentales Limit gekommen und habe erkannt, wer ich bin.
Evelyne Binsack, warum machen Sie keine extremen Expeditionen mehr?
Der Vorfall mit dem Eisbären war entscheidend. Für mich ist dort die «offizielle Expeditions-Evelyne» gestorben. Aber der eigentliche Wendepunkt war schon vorher, am Südpol. Dort bin ich an mein körperliches und mentales Limit gekommen und habe erkannt, wer ich bin. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass es für mich eigentlich nichts mehr zu suchen gibt. Und wenn ich mich einmal entscheide, dann ist entschieden. Nun arbeite ich als Bergführerin, halte Referate und gebe Coachings.
Albin Schelbert, was zieht Sie immer wieder an unberührte Orte?
Ich finde es wahnsinnig toll, heute noch Orte zu finden, wo man ganz alleine sein kann. Wir liessen uns von einem Buschpiloten in Alaska absetzen, und von dort weg gab es 600 Kilometer Wildnis – keine Orientierung, keine Strasse, nichts. Man muss alles selbst herausfinden. Auch diesen Sommer gehe ich wieder wochenlang mit dem Kanadier auf einen See in Finnland mit tausenden Inseln. Das ist für mich wie eine Expedition, du bist allein. Das Satellitentelefon nehme ich immer noch nicht mit.
Mich interessiert nicht mehr, eine verrückte Route von A bis Z zu dokumentieren. Was mich heute fesselt, ist der Mensch dahinter, der psychologische Aspekt.
Frank Senn, 30 Jahre lang haben Sie bereits Bergdokumentationen gemacht, was kommt als Nächstes?
Für mich hat das Thema Everest nach all den Jahren so ein Ende gefunden. Mich interessiert nicht mehr, eine verrückte Route von A bis Z zu dokumentieren. Was mich heute fesselt, ist der Mensch dahinter, der psychologische Aspekt. Ich kann mir auch gut vorstellen, meine Erfahrung weiterzugeben, etwa durch die Ausbildung von Kamerateams in Nepal, die sich auch mit dem Klimawandel befassen. Es geht mir darum, etwas zurückzugeben.
Die Gespräche führte Karoline Arn.