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Von wegen «Fest der Liebe» Weihnachtstage sind Hochsaison bei der Opferhilfe beider Basel

  • Rund 3500 Gewaltfälle hat die Opferhilfe beider Basel 2025 unter dem Strich registriert; das sind 500 mehr als im Vorjahr.
  • Zugenommen haben insbesondere Fälle von Gewalt gegen Kinder und Gewalt im öffentlichen Raum – jeweils um 20 Prozent.
  • Nach wie vor die meisten Fälle betreffen häusliche Gewalt gegen Frauen, auch jetzt über die Feiertage.

Nach den Weihnachtsfeiertagen kehrt der Leiter der Opferhilfe beider Basel mit flauem Gefühl ins Büro zurück: «Da muss man manchmal recht schlucken», sagt Beat John angesichts der neuen Fälle, die eingetroffen sind. 75 gewaltbetroffene Menschen meldeten sich, allein am Montag gingen 40 Anrufe ein.

Melanie Börlin, Teamleiterin der Frauenberatung der Opferhilfe beider Basel, und Gesamtleiter Beat John.
Legende: Melanie Börlin, Teamleiterin der Frauenberatung der Opferhilfe beider Basel, und Gesamtleiter Beat John. SRF / Nina Gygax

Dabei geht es um häusliche Gewalt, auch psychische Gewalt, dazu kommen Schlägereien im Ausgang. In den meisten Fällen über Weihnachten werde Gewalt daheim ausgeübt, bilanziert John, vor allem gegen Frauen. Ein Mann würgt seine Frau, zwingt sie zu sexuellen Handlungen, schlägt das Kind oder droht, die Kinder ins Ausland mitzunehmen und nicht mehr zurückzubringen: Jeweils wenn Familien eng zusammen seien, passiere in diesem Kontext auch mehr.

Auch Opferberatung Zürich mit mehr Fällen

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Auch die Opferberatung Zürich hat im vergangenen Jahr mehr Fälle registriert, wie auf Anfrage zu erfahren war: Insgesamt 5973 Fälle bedeuten eine Zunahme um fast 16 Prozent gegenüber 2024. Die Opferberatung ist eine von 7 vom Kanton Zürich anerkannten Beratungsstellen.

Schweizweite Zahlen von Opferberatungen trägt das Bundesamt für Statistik zusammen; die Daten für 2024 wurden im vergangenen Juni publiziert: Insgesamt wurden mit 51’547 Opferberatungen fünf Prozent mehr registriert als 2023. Die Beratungszahlen haben sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht.

In vielen Fällen ist sofortiges Handeln erforderlich – um Spuren zu sichern, wie Würgemale oder blaue Flecken von Schlägen, oder um weitere Eskalationen zu vermeiden. Um beispielsweise ein Kontaktverbot für einen Täter zu seinem Opfer zu erwirken, suche sie eine Anwältin, erklärt Beraterin Lilian Menn.

Bei einem Anruf schnell reagieren müsse die Opferhilfe auch, weil manche Opfer es sich später anders überlegten, sagt die Teamleiterin der Frauenberatung, Melanie Börlin. Eine Gewaltbeziehung zu verlassen, falle vielen schwer, weil dies Schritte aus einem Daheim ins Unbekannte seien. Und längst nicht alle Opfer gingen zur Polizei, etwa wegen der Kinder.

Gewalt gegen Frauen überwiegt

Fast die Hälfte aller Fälle von häuslicher Gewalt betrifft Frauen. Doch nicht nur Frauen sind zu Hause Opfer. Männern falle es sehr schwer, zu ihrer Opferrolle zu stehen und sich Unterstützung zu holen, sagt Berater Alessandro Suter. Das sei oft mit einem Stigma verbunden: «Bin ich noch Mann, wenn ich mir Hilfe suche?»

Insgesamt deutlich zugenommen hat dieses Jahr laut John Gewalt gegen Kinder: Über 600 Fälle bedeuteten 20 Prozent mehr als 2024, das heisst, dass jeden Tag im Schnitt zwei Kinder in der Region Gewalt erlebten.

Faust und bedrohte Person
Legende: Gewalt nimmt zu – besonders gegen Frauen und Kinder (Symbolbild). Keystone / DPA / Maurizio Gambarini

Die Zunahme liege zum einen daran, dass sich Leute mittlerweile eher meldeten; so seien Schulen und Kindergärten inzwischen geschult für solche Fälle. Zum anderen nehme Gewalt auch real zu, sagt John. Kinder würden teils zu Blitzableitern von gestressten und sehr unzufriedenen Erwachsenen, die unter Druck stehen, gerade in der momentanen geopolitischen Lage.

Für die Opferhilfe unerwartet hat in diesem Jahr auch Gewalt im öffentlichen Raum zugenommen: Körperverletzungen, Fäuste im Ausgang, Stress auf der Strasse. Auch in dieser Kategorie vermutet John, dass mehr gemeldet, aber auch mehr zugeschlagen werde.

Lilian Menn, Frauenberaterin bei der Opferhilfe beider Basel
Legende: Lilian Menn ist Frauenberaterin bei der Opferhilfe beider Basel. Sie hat nach Weihnachten deutlich mehr Anrufe entgegengenommen als sonst. SRF / Nina Gygax

Der Anruf bei der Opferhilfe ist indes oft erst der Anfang eines langen, schwierigen Weges. So gebe es viel zu wenige Schutzplätze für Opfer; für Menschen mit Beeinträchtigungen habe es in der Region Basel gar keine, stellt John fest. Sie telefonierten jeweils in der ganzen Schweiz herum, bis sie einen Platz gefunden hätten, aber Plätze in anderen Kantonen seien oft nicht ideal.

Ebenfalls herrsche Mangel an Therapieplätzen für die Opfer, die das Erlebte verarbeiten müssten. Und auch die Strafverfolgung ächze unter Pendenzenbergen, sodass Jahre vergehen könnten, bis ein Urteil Klarheit schaffe.

Regionaljournal Basel Baselland, 30.12.2025, 6:30 Uhr / Echo der Zeit, 30.12.2025, 18 Uhr ; 

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