Sandro Michel ist ein Modellathlet: 1.88 Meter gross, über 100 Kilo schwer, schnell, kräftig, explosiv. Der 30-jährige Fricktaler galt als der beste Bob-Anschieber der Schweiz. Er gewann Bronze an den Weltmeisterschaften in St. Moritz im Jahr 2023. Anfang Februar 2024 gab es die silberne Medaille an den Europameisterschaften in Lettland.
Doch am 13. Februar 2024 änderte sich für Sandro Michel alles. Bei einem Trainingssturz in Altenberg, mit dem von Michael Vogt pilotierten Viererbob, blieb Michel bewusstlos in der Bobbahn liegen. Der 500 Kilo schwere Schlitten rutschte rückwärts über den Aargauer Anschieber. Sein Leben hing an einem seidenen Faden.
Notoperationen in Dresden
Dank mehrerer Notoperationen in der Universitätsklinik Dresden konnte sein Leben gerettet werden. Michel hatte schwere Verletzungen an Hüfte und Oberschenkel, es war fraglich, ob die Ärzte sein Bein überhaupt noch retten könnten. Zudem erlitt er Rippenbrüche, einen Schulterblattbruch, Muskelrisse im Brustkorb und eine Lungenblutung.
Es folgten schwere Monate der Rehabilitation, in welchen Michel teilweise im Rollstuhl unterwegs war.
«Heute funktioniert vieles wieder sehr gut»
«Ich kann mich nicht beklagen», sagt Sandro Michel heute, gut zwei Jahre nach dem schweren Unfall auf die Frage, wie es ihm geht. «Wenn man berücksichtigt, was mir passiert ist, bin ich heute sehr zufrieden mit meiner Gesundheit.»
Die grösste Einschränkung habe er bei der Beweglichkeit seines Hüftgelenks. Sein Hüftknochen war schwer verletzt, wurde zum Teil zersplittert und lässt sich nicht mehr so drehen wie früher. «Ich merke es beim Sockenanziehen oder beim Schuhebinden.»
Dennoch sei er körperlich besser genesen, als er es sich direkt nach dem Unfall hätte erhoffen können, sagt Michel. «Klar, als Sportler hat man immer die Ambition noch weiter zu sein, aber realistischerweise bin ich auf einem sehr guten Weg.»
Keine Erinnerungen, aber heftige Bilder
An den Unfall selbst hat Michel keine Erinnerungen. «Zum Glück nicht», sagt er. Doch er habe Bilder gesehen. Bilder vom Sturz, von der Bahn, von seinem Wunden vor der Operation in Dresden. «Diese Bilder haben schon sehr heftig ausgesehen.» Er habe den Sturz psychisch gut verarbeitet, so Michel.
Was ihm aber manchmal zu schaffen mache, sei der Umgang der Verantwortlichen in Altenberg mit seinem Sturz. Zum einen, weil die Sicherheitsvorkehrungen in Altenberg ungenügend seien, zum anderen weil sich wochenlang keiner der Verantwortlichen bei ihm gemeldet habe.
Michel will zurück in den Bob
Noch vor einem Jahr wollte Sandro Michel die Bobrennen der olympischen Spiele in Cortina d'Ampezzo nicht abschreiben. Dafür ist es zu spät. Es sei hart, jetzt die Rennen am Fernseher verfolgen zu müssen, bei denen er so gerne dabei wäre. «Ich verfolge die Rennen, weil sie mich interessieren und gönne es jedem, der dort ist. Aber klar, es tut weh.»
Bis jetzt sass er noch nicht wieder in einem Bob. Doch er glaubt an sein Comeback. «Ich arbeite an vier Tagen die Woche und bin daneben fleissig am Trainieren.» Sei es im Kraftraum, im Laufkorridor in Wettingen oder bei der Physiotherapie. «Ich trainiere aktuell sicher nicht weniger als vor dem Unfall.»
Trotz Unfall hat er seine Liebe zum Sport nicht verloren. «Nur in Altenberg werde ich sicher nicht mehr fahren.» Aber vielleicht an den nächsten olympischen Spielen, in den französischen Alpen im Jahre 2030? Michel sagt: «Die Hoffnung ist noch da.»