In einem Live-Chat haben Stefan Reegen und Nadja Brodmann Ihre Fragen zu Zoos, Tier- und Artenschutz beantwortet. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse.
Warum halten Zoos auch Arten, die nicht bedroht sind?
Die Gefährdungsstufen von Tierarten verändern sich laufend, erklärt Stefan Reegen vom Zoo Zürich. «Eine Art, die heute auf dem Papier als nicht bedroht eingestuft ist, kann bereits morgen in eine höhere Gefährdungsstufe eingruppiert werden.»
Darum sei es sinnvoll, frühzeitig Reservepopulationen aufzubauen – besonders bei Arten, deren Bestandstrend schon negativ ist.
Reservepopulationen ausserhalb des natürlichen Lebensraums geben Arten «eine Art Zeitpuffer», bis Lebensräume stabilisiert oder wiederhergestellt sind. Voraussetzung sei jedoch ein sinnvoll geplantes Wiederansiedlungsprojekt.
Haben Tiere im Zoo ein Bedürfnis nach «Freiheit»?
Das wisse man nicht, erklärt Nadja Brodmann, Mitglied der Geschäftsleitung beim Zürcher Tierschutz. Klar sei aber: «Viele Arten haben neben den Grundbedürfnissen auch das Bedürfnis nach Fortbewegung, Territoriumserweiterung und Abgrenzung sowie Erkunden unbekannter Gebiete und Reize.»
Für manche Arten können Zoos diese Bedürfnisse nicht erfüllen – etwa Eisbären oder Schwertwale, die aus diesem Grund auch nicht gehalten werden sollten. Seriöse Zoos versuchten jedoch, dem natürlichen Erkundungsdrang so weit wie möglich entgegenzukommen. Dazu gehörten: «Artenvergesellschaftung, wechselnde Gehegestrukturen und verschiedene Fütterungsmethoden.»
Kann ein Zoo vollständig tierschutzfreundlich sein?
Tierschutz und Artenschutz müssten klar voneinander unterschieden werden, betont Stefan Reegen. «Wissenschaftlich geführte Zoos betreiben Artenschutz und verfolgen das Ziel, die gehaltenen Populationen gefährdeter Arten langfristig zu erhalten.»
Dafür stelle ein moderner Zoo im Entscheidungsfall das Überleben der Art über das Überleben des Individuums. «Dabei hat das Tierwohl jedoch immer eine hohe Priorität.»
Sind Zoos noch zeitgemäss?
Auf diese Frage der Community reagiert Nadja Brodmann vorsichtig. Zweifel seien aus Tierschutzsicht angebracht. Zoos hätten nur dann eine Berechtigung, wenn sie tatsächlich sensibilisieren: dafür, «dass Tierhaltung generell bedürfnisgerecht sein sollte» – bei Heim-, Nutz- und Versuchstieren genauso wie bei Wildtieren. Tiere, die wie im Schaufenster präsentiert werden, seien definitiv «nicht zeitgemäss».
Warum töten Zoos Tiere im Namen des Artenschutzes?
Der Vorwurf, Tiere im Rahmen des Artenmanagements zu töten, sorgt regelmässig für Kritik. «Es ist nachvollziehbar, dass Tötungen im Rahmen des Artenschutzes im ersten Moment aus einer emotionalen Sicht wenig verständlich sind», so Reegen.
Reegen nennt zwei Gründe, weshalb kontinuierliche Zucht bedeutsam ist. Erstens verlangten die Sozialstrukturen vieler Arten die Aufzucht von Nachwuchs, «ohne Fortpflanzung würde Tieren ein elementares Grundbedürfnis fehlen – mit entsprechenden Einschränkungen im Tierwohl».
Zweitens stabilisiere Zucht die Gesamtpopulation im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP): «Viele Zoobestände drohen zu überaltern und dadurch instabil zu werden, was sich nur durch ausreichend Nachwuchs verhindern lässt.»
Durch den Erhalt von langfristig stabilen und gesunden Populationen entstehe erst die Glaubwürdigkeit von modernen Zoos, «nicht durch die Haltung von einzelnen Tieren, die keinen Beitrag zum Artenschutz leisten».