Die ersten Flüge sind bereits gestrichen und die Preise für Tickets steigen: Je länger der Iran-Krieg andauert, desto stärker spürt das die Flugbranche rund um den Globus. Der Nachschub an Kerosin stockt, weil die Strasse von Hormus weiterhin blockiert ist. Welche Folgen das hat, erklärt SRF-Wirtschaftsredaktor Matthias Heim.
Wie ernst ist die Lage?
Sie ist definitiv angespannt. Gewisse Fluggesellschaften haben bereits begonnen, ihr Flugprogramm zu straffen. Vergangene Woche hat Edelweiss bekannt gegeben, die Flüge nach Denver und Seattle in den USA zu streichen – unter anderem wegen der hohen Treibstoffpreise. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie schnell Fluggesellschaften reagieren und ihr Angebot anpassen. Es gibt zwar nach wie vor Kerosin zu kaufen, allerdings wird dieses wegen des eingeschränkten Nachschubs zu höheren Preisen gehandelt.
Werden im Sommer massenhaft Flüge gestrichen?
Entscheidend ist, wie sich der Konflikt und damit die Blockade der Meerenge von Hormus weiterentwickeln. Stand jetzt ist mit weiteren Ausfällen zu rechnen, aber nicht in grosser Zahl. Jedoch ist es nicht ganz einfach, die weitere Entwicklung abzuschätzen – auch weil sich wichtige Akteure unterschiedlich äussern. Die Internationale Energieagentur warnt beispielsweise, das Kerosin könne schon Ende Mai knapp werden. Gleichzeitig äussern sich verschiedene Fluggesellschaften weniger eindringlich und sagen, die Versorgung sei vorerst gesichert.
Werden Flugtickets nun deutlich teurer?
Auf den ersten Blick würde man sagen: Ja, höhere Treibstoffkosten bedeuten höhere Preise. Allerdings sind die Fluggesellschaften auch in einem Dilemma, weil sie miteinander konkurrieren. Wenn eine Fluggesellschaft die Preise stark erhöht, riskiert sie, dass andere Anbieter nicht mitmachen und die Kundinnen und Kunden zu diesen wechseln. Deshalb sind Preiserhöhungen auf breiter Front bislang noch ausgeblieben – das kann aber noch kommen.
Wie steht es um die Kerosinreserven?
Bis jetzt gibt es keine umfassenden Informationen, wie viel Kerosin in den europäischen Ländern noch zur Verfügung steht. Verschiedene Regierungen sind derzeit dabei, sich einen Überblick zu verschaffen, sodass hierzu bald mehr Klarheit bestehen soll. Fakt ist aber, dass die Schweiz Pflichtreserven besitzt, die die Versorgung für etwa drei Monate sicherstellen könnten. Der Bund entscheidet, wann diese freigegeben werden.
Wie landet das Kerosin überhaupt in der Schweiz?
Der Prozess beginnt mit dem Rohöl. Dieses wird in einer Raffinerie zu Benzin, Diesel und eben Kerosin weiterverarbeitet. Das geschieht im grossen Stil in der Golfregion, aber auch in den USA und in Europa. Anschliessend wird das Kerosin per Schiff oder Bahn in die Schweiz geliefert. In Zürich beispielsweise wird es in der Nähe des Flughafens in riesigen Tanklagern eingelagert. Von dort wird der Treibstoff unterirdisch mit Leitungen auf das Flughafenareal gepumpt, wo er schliesslich über Tankschläuche im Flugzeug landet.
Wie schnell könnte sich die Situation entspannen?
Selbst wenn der Konflikt morgen beendet wäre, würde es noch mehrere Wochen oder Monate dauern, bis sich die Versorgung wieder normalisiert. Ein Tanker braucht fünf bis sechs Wochen für den Weg nach Europa. Dazu kommt, dass Dutzende Raffinerien im Nahen Osten beschädigt sind und zuerst repariert werden müssen, bis sie wieder die gewohnten Mengen an Kerosin produzieren können. Das könnte laut Expertinnen und Experten sogar Jahre dauern.