Darum geht’s: Schichtwechsel in Unternehmen sind in der Regel gut planbar. In der Schifffahrtsbranche ist der Austausch von Seeleuten auf Schiffen – nach Monaten auf hoher See – deutlich komplizierter. «Schiffe sind wie Uber-Fahrzeuge konstant unterwegs», sagt Vivien Miranda. Er ist Vizedirektor bei BCD Travel, einem Unternehmen, das auf spezielle Reisen für Arbeitskräfte spezialisiert ist. Der Krieg im Nahen Osten mache es noch viel schwieriger, teilweise gar unlösbar.
Kurzfristige Planung: Transporte von Schiffscrews sind stets Last-Minute-Reisen. «Wir haben meistens 24, maximal 48 Stunden Zeit, eine Reise zu organisieren», sagt Vivien Miranda. Trotz der kurzfristigen Bestellungen müssten die Reisen in der Regel noch ein- bis zweimal umgebucht werden. Denn Schiffsrouten sind abhängig von Wetter und Fahrtgeschwindigkeit, die Schiffe sind zu früh oder meistens verspätet unterwegs. Während bei Containerschiffen die Route besser planbar ist, wechselt sie bei Öl- oder Gastankern oft. «Zahlt jemand für die Ladung am anderen Ende der Welt mehr, wird das Schiff umgehend umgeleitet.»
Zahlt jemand für die Ladung am anderen Ende der Welt mehr, wird das Schiff umgehend umgeleitet.
Zentraler Kostenfaktor: Die Reisen von Schiffscrews sind nach Treibstoff und Löhnen einer der ganz grossen Kostenfaktoren. Es muss also günstig sein. Gleichzeitig müssen die Crews pünktlich vor Ort sein. Wenn ein Schiff einen Tag länger auf die neue Crew warten muss, kostet dies schnell mehrere tausend Franken. Ähnlich teuer ist es, wenn eine Person nachträglich separat per Boot oder gar Helikopter an Bord gebracht werden muss, weil sie einen Anschlussflug verpasst hat.
Blockierte Seeleute: Die Blockade der für die Schifffahrt wichtigen Strasse von Hormus macht den Wechsel von Schiffscrews nochmals massiv komplexer, wenn nicht ganz unmöglich. «Wenn die Schiffe einen nahen Hafen anlaufen konnten, haben wir die Crews auf dem Landweg dahin gebracht. Aber viele Schiffe sind in der Gegend seit Monaten komplett blockiert», sagt Miranda. Ob nun deren Arbeitsverträge noch gültig sind oder nicht.
Grosses Risiko: Die Crews per Helikopter oder Boot auszutauschen, sei zu riskant. «Wer sich bewegt, wird zum Ziel von Raketenangriffen.» Es drücke ihm das Herz ab, sagt der Reise-Experte. «Seeleute sind an Bord gestorben, man kann sie aber nicht ausfliegen. Man kann nicht die Air Force anfragen. Niemand will fliegen und das Risiko eingehen, abgeschossen zu werden.» Keine Versicherung, kein Schiffseigner wolle das verantworten.
Wer sich bewegt, wird zum Ziel von Raketenangriffen.
Hoher Stresspegel: Die Situation ist für alle Seiten belastend. Bei Seeleuten und deren Familien dominierten Frustration und Sorgen, sagt Vivien Miranda. Andererseits laste ein grosser Druck auf den Reedereien und Schiffseignern. «Ich kann deren Probleme zwar nicht immer lösen, aber dafür zuhören.»
Unsicherheit bleibt: Viele Länder verschärfen derzeit ihre Restriktionen für Waren und Personen. «60 bis 70 Prozent der Seeleute kommen aus Indien oder den Philippinen. Menschen aus diesen Ländern brauchen oft verschiedene Visa, zum Beispiel für die USA», sagt Vivien Miranda. «Immer mehr Länder verlangen nun auch Visa für Transit-Reisende – auch für Seeleute.» Schiffscrews bleiben künftig wohl länger auf See, um Reisekosten zu sparen. Das ist eine zusätzliche grosse Belastung für jene Arbeitskräfte, die ungeachtet der politischen Querelen auf hoher See das Funktionieren der weltweiten Lieferketten garantieren.