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Dry January Alkoholfreies Bier? Ja! Alkoholfreier Wein? Lieber nicht

Alkohol ist nicht mehr gleich gefragt wie auch schon. Wer ausweichen will, findet bei Bier, Schaumwein und Spirituosen bereits anständige Alternativen. Nur beim Wein klappt das irgendwie noch nicht so richtig. Wieso eigentlich?

Immer mehr Menschen verzichten auf Alkohol – nicht nur im «Dry January». Das hat mit drei Trends zu tun: Einerseits hat die Weltgesundheitsorganisation WHO dem Alkohol schon länger den Kampf angesagt. Zweitens sind viele Menschen gesundheitsbewusster unterwegs als noch vor 10 oder 20 Jahren. Drittens ist Wein Luxus – und wer sparen muss, spart auch beim Wein.

«Alkoholfreier Wein ist keine Modeerscheinung»

Dass gerade der Weinkonsum weltweit rückläufig ist, zeigt sich in den Zahlen. 2024 lag das Minus bei 8 Prozent. Letztes Jahr ging es nochmals runter. Michel Fink, Geschäftsführer beim Bio-Weinhändler Delinat, sagt: «Tatsächlich sind alkoholfreie Weine aktuell das einzige Segment, das wächst.» Verlässliche Zahlen für die Schweiz gebe es nicht. Der Marktkenner schätzt, dass aber erst 1 Prozent des Weinumsatzes alkoholfrei ist. Trotzdem sagt Michel Fink: «Alkoholfreier Wein ist keine Modeerscheinung. Der Verzicht auf Alkohol ist gekommen, um zu bleiben.»

Rotwein wird in ein Glas gegossen.
Legende: Alkoholfreier Wein ist in seiner Herstellung aufwendiger und dementsprechend teurer als Wein mit Alkohol. REUTERS / Benoit Tessier

Das bestätigen die Detailhändler. Das Segment wachse kräftig, sei aber erst im Aufbau, heisst es bei Coop. 4500 Weine stehen bei Coop 67 Produkten ohne Alkohol gegenüber. Ähnlich das Bild bei Migros: Die Nachfrage nach alkoholfreiem Wein habe sich seit 2021 zwar verdoppelt – aber die Nachfrage sei im Vergleich zum alkoholfreien Bier noch auf tiefem Niveau. Laut Migros liegt das Verhältnis bei rund 20:1 zugunsten des alkoholfreien Biers.

NoLo-Weine

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NoLo-Weine stehen für Weine mit «no» oder «low» Alkohol. Seit 2021 gilt Wein, dem der Alkohol entzogen worden ist, in der EU (und auch in der Schweiz) offiziell als Wein. Einzig Italien hatte sich zunächst noch dagegen gesträubt.

Traditionsbewusste Winzer fürchteten eine Verwässerung der italienischen Weinkultur. Kurz vor Weihnachten 2025 aber öffnete auch Italien als letzte Bastion der EU das Land für die Produktion von entalkoholisiertem Wein.

Nun können auch italienische Weingüter endlich laufende Projekte konkretisieren. Vertreter der Weinindustrie begrüssen den Schritt ausdrücklich. Die Nachfrage nach Weinen mit geringerem Alkoholgehalt könne nicht länger als Modeerscheinung betrachtet werden, sondern als langfristiger Wandel, heisst es in der italienischen Weinbranche.

Zwar geht auch der Bierkonsum zurück, nur haben Bierhersteller früher auf die Nachfrage nach Alkoholfreiem reagiert. In kurzer Zeit hat sich der Anteil des alkoholfreien Biers auf 6 bis 7 Prozent verdoppelt und damit einen Teil des Einbruchs wettgemacht. «Davon sind wir beim Wein weit entfernt», sagt Fink. Auch bei Spirituosen gibt es mittlerweile eine gute Auswahl an alkoholfreien Produkten. Konkrete Zahlen dazu fehlen aber auch hier.

Alkoholfreier Wein ist teurer

Das Problem beim Wein: Guten alkoholfreien Wein herzustellen, ist technisch schwierig. Denn erst muss man einen guten Wein herstellen und ihm danach den Alkohol entziehen. Doch damit geht mehr verloren als nur Alkohol: «Alkohol gibt dem Wein nicht nur Volumen und Körper, sondern ist auch Geschmacksträger. Wenn man den Alkohol entzieht, entzieht man dem Wein auch Aromastoffe, die man dann wieder mit Aromen oder Zucker ausgleichen muss», erklärt der Experte von Delinat.

Verschiedene Verfahren

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Die Weinbauern benutzen aktuell zwei Methoden, um dem fertigen Wein den Alkohol zu entziehen: die Umkehr-Osmose, bei der der Alkohol wieder raus gefiltert wird, oder das Vakuum-Verdampfungsverfahren. Viel Hoffnung setzen die Hersteller nun auf eine dritte Methode, die Präzisionsfermentierung. Diese steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Zudem versuchen Winzerinnen und Winzer, neue robuste Trauben zu züchten, die weniger Zucker enthalten und die man früher ernten kann. Dies könnte, kombiniert mit der Präzisionsfermentierung, eine neue Qualität von alkoholfreien Weinen hervorbringen.

Allerdings ist es nicht überall gleich herausfordernd: Beim Schaumwein gibt es schon eine relativ grosse Auswahl. Das hat damit zu tun, dass bei Schaumweinen schon Dinge beigemischt werden, die Kohlensäure hilft auch.

Am schwierigsten sei es beim Rotwein, sagt Michel Fink. «Rotweine sind komplexer in ihrer Struktur. Man muss verhindern, dass nur Tannin und Säure zurückbleiben.» Zudem sind Weine ohne Alkohol teurer. Durch die Entalkoholisierung des Weines verliert man 14 bis 15 Prozent der Menge. «Inklusive der Kosten für die zusätzlichen Produktionsschritte ist ein alkoholfreier Wein schnell 20 Prozent teurer als sein alkoholhaltiger Kollege», sagt Michel Fink. Das sei am Markt eine Herausforderung. Konsumentinnen erwarteten intuitiv, dass etwas ohne Alkohol günstiger sei als etwas mit.

Trotz der Herausforderungen ist er sich aber sicher: «Alkoholfreie Weine werden in zehn Jahren ganz anders schmecken als heute.»

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SRF3 Wirtschaft, 9.1.2026, 17:40 Uhr; wilh

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