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Gift in Babynahrung Die Risiken einer globalen Lieferkette

Rückrufe bei Nestlé, Danone und anderen: Wie ein einziger Zulieferer Milchpulver auf der ganzen Welt vergiften konnte.

Worum geht es? Seit vergangenem Dezember rufen mehrere Hersteller von Babynahrung Produkte zurück, weil sie mit dem Giftstoff Cereulid verunreinigt sein könnten. Cereulid kann Erbrechen und Durchfall bei Babys verursachen. Es gibt bereits mehrere Verdachtsfälle von erkrankten oder bereits verstorbenen Babys, die mit der verunreinigten Babynahrung zusammenhängen könnten. Zurückgerufen wurden inzwischen Hunderte Babynahrungsprodukte in mehr als 60 Ländern, darunter auch die Schweiz. Zu den betroffenen Firmen gehören führende Produzenten wie Nestlé und Danone, aber auch kleinere Firmen wie Hochdorf, Lactalis und Vitagermine.

Wie kam es zu der Verunreinigung? Der Giftstoff Cereulid entstammt einem Rohstoff, der üblicherweise Babynahrung zugesetzt wird: dem an Arachidonsäure reichen Öl, genannt ARA-Öl. Wie verschiedene Behörden mitgeteilt haben, haben die betroffenen Firmen das verunreinigte Öl alle bei derselben chinesischen Firma bezogen: Cabio Biotech. Die Firma äussert sich seit Beginn der Affäre nicht zu den Ereignissen.

Warum ist ein Zulieferer so dominant in der Herstellung von Babynahrung? Gemäss Aussagen aus der Lebensmittelbranche gibt es nicht viele Anbieter, die ARA-Öl in grossen Mengen herstellen können. Cabio Biotech gehört jedoch dazu - und dürfte wahrscheinlich auch günstiger produzieren als westliche Hersteller. Auf Anfrage von SRF wollen Nestlé und Danone nicht sagen, welcher Anteil des bei ihnen verarbeiteten ARA-Öls von Cabio Biotech stammte. Ein Sprecher von Nestlé gibt aber an, dass der Konzern sein ARA-Öl auch schon vor der Entdeckung der Verunreinigung von mehreren Anbietern bezogen habe. Mittlerweile ist Nestlé komplett auf andere Hersteller umgestiegen. Es gibt also durchaus Alternativen.

Baby trinkt aus einer Flasche.
Legende: fotodjo/mladen mitrinovic

Könnte man ARA-Öl auch in der Schweiz herstellen, um Risiken in der Lieferkette zu verringern? Könnte man schon – und man tut es sogar bereits. Es gibt mindestens ein Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, das das Öl herstellt: DSM-Firmenich. Die Firma wirbt auf ihrer Website damit, der einzige westliche Hersteller von Arachidonsäure zu sein, also von jener Omega-6-Fettsäure, um die es bei dem Ara-Öl letztlich geht. Vermutlich aber sind die Preise von DSM-Firmenich höher als bei chinesischen Anbietern (auf eine entsprechende Anfrage hat das Unternehmen bis Redaktionsschluss nicht reagiert). Mehr Autarkie in diesem Bereich hätte wohl höhere Konsumentenpreise zur Folge.

Waren die Babynahrungshersteller nachlässig? Jein. Das Risiko, das von dem ARA-Öl ausgeht, war bis zu diesem Skandal so wenig bekannt, dass es etwa in der EU bis vor Kurzem noch nicht einmal Grenzwerte für den Giftstoff Cereulid in Babynahrung gab. Das hat sich erst letzte Woche geändert. Zudem wurde die Cereulid-Verunreinigung von Nestlé selbst entdeckt und publik gemacht. Umstritten ist, ob die betroffenen Hersteller früh genug informiert und ihre Produkte zurückgerufen haben. Die Konsumentenschutzorganisation Foodwatch hat angekündigt, die Hersteller deswegen zu verklagen.

Echo der Zeit, 10.02.2026, 18 Uhr

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