Österreich hat ein Kernkraftwerk, in Zwentendorf nordwestlich von Wien. Es wurde in den 1970er-Jahren fixfertig gebaut, nach einem hauchdünnen Volksentscheid gegen die Kernkraft aber nie in Betrieb genommen. Und das AKW Zwentendorf steht bis heute – auch als Symbol für den energiepolitischen Weg Österreichs.
Stefan Zach, der Kommunikationschef des Wiener Energiekonzerns EVN, dem das AKW gehört, führt am ehemaligen Empfang vorbei in den Umkleideraum und damit direkt in die späten 1970er-Jahre. Hier hätten sich die Mitarbeiter umgezogen und hier wären sie nach getaner Arbeit auf die verbleibende Radioaktivität getestet worden …
… wenn das Kernkraftwerk je in Betrieb gegangen wäre. Doch in Zwentendorf sei kein einziges Atom gespalten worden, erzählt Stefan Zach. «Gespalten hat das Kraftwerk nur die öffentliche Meinung.» Als es fertig gebaut war, stimmte die österreichische Bevölkerung 1978 mit einer hauchdünnen Mehrheit gegen die Nutzung der Kernkraft. Bis 1985 blieb das AKW im Bereitschaftsmodus. Dann entfernten die Betreiber die unbenutzten Brennstäbe aus dem Kraftwerk. Dieses wurde zum Denkmal, das bis heute steht.
Fast vierzig Meter über dem Erdgeschoss ist etwas weltweit Einzigartiges möglich: Besucherinnen und Besucher können einen Blick direkt dort hineinwerfen, wo andernorts Atome gespalten werden – in den Reaktor.
Dieser hier ist typengleich mit jenem von Fukushima. Er hätte Wasser zu Dampf erhitzt, und dieser wiederum hätte mehrere Turbinen angetrieben – im grössten Raum des AKW, den der Wiener Energiekonzern EVN heute vermietet, beispielsweise für Automessen. Mit den Einnahmen aus Anlässen, aber auch von Filmdrehs, finanziert der EVN den Unterhalt des riesigen Areals.
Schliesslich führt Stefan Zach in seinen Lieblingsraum, den Schaltraum. Bildschirme leuchten. Schemata an drei von vier Wänden. Davor ein mehrere Meter langes Steuerpult mit hunderten Schaltern, mitten darauf ein ehemals knallrotes Telefon. «Das war die direkte Verbindung ins Bundeskanzleramt. Da hätte man direkt beim ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky anrufen können, wenn hier irgendwas passiert wäre», erklärt Stefan Zach.
Passiert ist hier in Zwentendorf allerdings wie erwähnt nichts. Nach der denkwürdigen Volksabstimmung von 1978 sei die kernkraftkritische Mehrheit in der österreichischen Bevölkerung gewachsen und seither konstant hoch, erzählt Stefan Zach zum Ende des Rundgangs. Bis heute legt sich, anders als in der Schweiz und in etlichen anderen Ländern, keine der grossen Parteien Österreichs für diese Art der Stromproduktion ins Zeug.
Ähnlich wie die Schweiz verfügt Österreich über Wasserkraftwerke in den Alpen, die fast zwei Drittel des Stroms produzieren. Gas wird zunehmend durch Sonnen- und vor allem auch durch Windstrom ersetzt. Bis 2030 soll der gesamte Stromverbrauch unter dem Strich erneuerbar gedeckt werden.
Dieses Ziel sei erreichbar, sagt Professor René Hofmann, der an der Technischen Universität Wien das Institut für Energietechnik und Thermodynamik leitet. Heute über einen Einstieg Österreichs in die Kernkraft nachzudenken, halte er nicht für sinnvoll. «Wir haben uns frühzeitig dagegen entschieden und damit hatten wir auch die Möglichkeit, früh auf Alternativen zu setzen. 1978 waren die Alternativen zur Kernkraft Gas, Öl und Kohle. Heute haben wir Kernkraft versus Erneuerbare. Jetzt den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, macht meines Erachtens Sinn.»
Fazit: Der Einstieg in die Kernkraft ist in Österreich kein Thema. Vor allem auch, weil nie ein Kernkraftwerk in Betrieb war.