90 Prozent der weltweiten Fracht werden auf Containerschiffen transportiert. Fünf Prozent dieser Fracht müssen durch die Strasse von Hormus. Tönt nicht dramatisch – noch nicht, sagt Paolo Montrone, Chef für Meereslogistik beim Logistiker Kühne + Nagel.
«Mit jeder Stunde, die der Iran-Krieg andauert, spitzt sich die Lage zu», sagt Montrone, der seit 37 Jahren bei Kühne + Nagel arbeitet. Denn in den Häfen in der Nähe der Kriegsregion stauten sich Container, die nicht dorthin gehörten.
Das Ende der Reise
Grund dafür ist ein hundertjähriges Gesetz, gemäss dem die Schiffe ihre Ware im Notfall irgendwo abladen können – und nicht dort, wo vertraglich abgemacht. Auf Kosten der Kunden, notabene. «Termination of Voyage» – Ende der Reise – nennt sich das.
Die Häfen, wo die Container notfallmässig abgeladen werden, sind oft kleinere Häfen, mit wenig Infrastruktur. Die Container stapeln sich dort, und fehlen an anderen Orten. Und: Abgeladene Güter müssen auf dem Landweg an die Zieldestination gebracht werden. Das sei teuer, sagt Montrone, auch weil Lastwagen fehlten.
Strapazierte Lieferketten, explodierende Kosten
Kommt dazu, dass zunehmend auch der Sprit für die Schiffe fehlt. Denn es gibt weltweit nur wenige Häfen, in denen die grossen Containerschiffe tanken können. Und diese Bunkerhäfen sind laut Montrone bereits überlastet: «Teilweise fehlt es auch schlicht an Schweröl.»
Zu den strapazierten Lieferketten kommen die explodierenden Kosten. Für Kriegsgefahr, Versicherung, Treibstoff, Umwege und vieles andere verlangen Reedereien Notzuschläge von bis zu 4000 Dollar pro Container.
Blockaden und Verzögerungen
Für Transporte in den Nahen Osten hätten sich die Preise bereits vervierfacht, sagt Philippe Binard von Freshfel, dem europäischen Verband für Frischwaren. Seine Branche ist besonders betroffen von den Störungen der Lieferketten, weil Gemüse und Obst auf Kühlung angewiesen sind und die Produkte verderben, wenn sie nicht zeitnah geliefert werden.
Binard sagt, teils seien Kühlschiffe im Nahen Osten blockiert, andere würden Umwege um Afrika fahren. Beides sorge für Verzögerungen, die jetzt schon Monate brauchten, um sich wieder einzurenken.
Kurze Störung, lange Wirkung
In der Logistik gibt es eine Faustregel dafür: Ein Tag Störung in der Containerschifffahrt braucht eine Woche, bis alles wieder normal läuft. Man rechne. Logistiker wie Kühne + Nagel versuchen zwar, die Ausbreitung der Störungen in den Lieferketten durch Planung zu verhindern.
Aber Paolo Montrone warnt davor, dass die aktuellen Störungen in vier bis sechs Wochen die weltweiten Lieferketten erreichen würden. Bereits jetzt fehlt es teilweise an Dünger und Plastikverpackungen. Das wäre dann ein Worst Case – und vergleichbar mit der Pandemie, sagt Montrone.
Am Ende zahlen wir alle
Die Mehrkosten für das Chaos in der Containerschifffahrt sind aber jetzt schon hoch: Der Chef der Reederei Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, spricht für seine Reederei von 40 bis 50 Millionen Dollar – pro Woche.
Die Reedereien überwälzen diese Kosten auf die Besitzer der Container. Und diese wiederum auf die Konsumenten – also uns alle.