Das steckt hinter der Warnung der Industrie vor Stillstand: Die USA etablieren ein neues Medikamentenpreissystem, bei dem ausgesuchte Länder, darunter die Schweiz, zum Referenzland werden. Der tiefste Preis gilt dabei als Referenzpreis. Dadurch entgehen den Firmen Umsätze. In der betriebswirtschaftlichen Logik wäre es darum vorteilhafter, die Schweiz gar nicht zu beliefern, als mit zu günstigen Medikamenten. Im Klartext würden in der Schweiz also Medikamente fehlen. Das hätte wirtschaftliche Folgen und dramatische, gar tödliche Folgen für die Patientinnen und Patienten. Um dies zu verhindern, müsste sich das Regelwerk für Medikamentenpreise in der Schweiz verändern.
Das fordert die Industrie: Gefordert sind ganzheitliche Reformen und eine Strategie für den Pharma-Standort Schweiz. Gesundheitspolitik sei heute auch Standortpolitik. Die Politik müsse weg vom Silo-Denken, das nur auf die Kosten von Medikamenten in der Grundversicherung fokussiere. Für den Standort seien auch Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung relevant. Aus Sicht der Branche ist es an der Zeit für eine Pharma-Strategie. Der Ständerat hat eine entsprechende Motion angenommen, die Debatte im Nationalrat folgt. Ziel ist, dass die Firmen in der Schweiz bleiben und investieren.
Der Vorwurf der Drohkulisse: Kritiker sehen in den Warnungen vor Medikamentenlücken Argumente zugunsten der Pharmaindustrie. Denn um Lücken zu verhindern, müssten die Preise für die Pharmafirmen attraktiv sein. Solche Argumentationslinien seien klug, wichtig für den politischen Prozess, aber etwas überzogen. Tobias Müller, Gesundheitsökonom von der Berner Fachhochschule, sieht bezüglich Verfügbarkeit und Preiserhöhungen aktuell etwa keinen dringenden Handlungsbedarf. Die Preise von neu zugelassenen Medikamenten seien hoch. Zudem hätten die Firmen für neue Produkte Patentschutz. «Es gibt noch immer einen starken ökonomischen Anreiz, in der Schweiz Medikamente abzusetzen, trotz des kleinen Marktes», sagt er. Aus Sicht des Branchenverbands gelten die Warnungen aber vor allem für die Zukunft. Denn betroffen wären Medikamente, die neu erforscht und zugelassen werden.
Viele Ideen für die Reformen: Es gibt zahlreiche Ideen, wie sich die Industrie reformieren müsste – die Vorschläge reichen hin bis zu neuen Organisationsformen. Oft kritisiert werden die geltenden Preissetzungskriterien, in die der Vergleich mit den Preisen im Ausland einfliesst. Gemäss Tobias Müller ist das wenig zielführend, da die dort offengelegten Preise oftmals sogenannte «Schaufensterpreise» seien, also höhere Preise, als eigentlich bezahlt würden. Die Ausland-Preis-Vergleiche treiben Preise also eher nach oben. Mit dem System Trump wird sich das nicht ändern. Er fordert statt der bisherigen Kriterien einen völlig neuen Ansatz, bei dem Nutzen abgegolten wird. «Wenn ein Medikament das Leben deutlich verlängert oder die Lebensqualität verbessert, dann sollte das einen höheren Preis erzielen. Im heutigen System ist das aber nur sehr, sehr bedingt so bepreist», so Müller. Auch die Pharmaindustrie würde Preise, die den Nutzen besser abbilden, begrüssen.