Die «Winterstromlücke»: Im Frühling – wenn die grossen Speicherseen leer sind, weil sie über den ganzen Winter Strom produziert haben, der Schnee aber noch liegt, bevor sein Schmelzwasser die Pegel wieder steigen lässt – ist die Schweiz immer wieder auf Stromimporte aus den Nachbarländern angewiesen. Diese «Winterstromlücke» könnte künftig noch grösser werden, so die Befürchtung vieler, wenn der Stromverbrauch steigt und die bestehenden Schweizer Atomkraftwerke ausser Betrieb genommen werden müssen. Entsprechend hitzig verlaufen die Diskussionen darüber, wie diese Lücke geschlossen werden könnte. Gabriela Hug, Professorin für Energiesysteme an der ETH Zürich, relativiert allerdings: «In ganz Europa spricht man nicht von einer Winterstromlücke.» Das sei ein schweizerisches Konzept, denn in anderen Ländern werde teilweise im Winter mehr Strom produziert als im Sommer.
Das heisst, dass im Winter tendenziell mehr Strom in Wasserkraftwerken produziert werden kann.
Klimawandel und Wasserhaushalt: Forschung im Rahmen des Projekts «Speed2Zero», an dem in den letzten drei Jahren über 100 Forscherinnen und Forscher aus den Biodiversitäts-, Energie- und Klimawissenschaften gearbeitet haben, bestätige eindeutig, dass mit dem Klimawandel im Winter mehr Niederschlag falle als bisher und der Schnee früher schmelze. Das sagt Sonia Seneviratne, Professorin für Land-Klima-Dynamiken an der ETH Zürich. Konkret verschiebt sich der Höhepunkt des Wasseranfalls laut Seneviratne bis zum Ende des Jahrhunderts um gut einen Monat nach vorne: «Das heisst, dass im Winter tendenziell mehr Strom in Wasserkraftwerken produziert werden kann.»
Wir erwarten, dass es vermehrt mehrere Jahre hintereinander gibt, in denen sehr wenig Wasser anfällt.
Folgen für Energieproduktion: Was positiv tönt in Bezug auf die sogenannte «Winterstromlücke», ist grundsätzlich für die Stromproduktion keine gute Neuigkeit. Zwar gibt es im Winter mehr Niederschläge, im Sommer aber werden es weniger. Übers ganze Jahr gesehen stehe für die Stromproduktion künftig deutlich weniger Wasser zur Verfügung, auch weil die Gletscher als Reserven dereinst wegfallen. Gabriela Hug sagt: «Wir erwarten, dass es vermehrt mehrere Jahre hintereinander gibt, in denen sehr wenig Wasser anfällt.» Dies müsse in der Planung berücksichtigt werden. Da seien dann Stromproduktionsmöglichkeiten gefragt, die genau in solchen Zeiten der Wasserknappheit bereitstünden, aber auch wirklich nur dann, so die Energie-Expertin der ETH.
Ausbau der Erneuerbaren und Kooperation: Der Klimawandel entschärft also möglicherweise die Stromproduktionslücke im Winter, die Erderwärmung stellt aber das Energiesystem als Ganzes vor grosse Herausforderungen. Um es widerstandsfähiger zu machen, müsse der Ausbau der erneuerbaren Energien – vor allem von Sonnen- und Windenergie – beschleunigt werden, betont ETH-Professorin Gabriela Hug. Und sie ergänzt: «Zentral ist die internationale Einbindung der Schweiz. Die Szenarien – in denen die Schweiz sicherstellen kann, dass wirklich jede Minute genügend Energie für den Ausgleich da ist – sind sehr abhängig davon, wie sich unsere Nachbarländer weiterentwickeln.» Klar ist aus Sicht der beiden ETH-Professorinnen: Der intensive Austausch mit den europäischen Nachbarn ist eine essenzielle Voraussetzung für ein stabiles, nachhaltiges Energiesystem in der Schweiz.