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Geht uns der Strom aus? Stromproduzenten warnen vor Versorgungslücke bis 2050

Die Schweiz steuere auf eine besorgniserregende Stromversorgungslücke zu. Zu diesem Schluss kommen diejenigen, die Strom produzieren in der Schweiz, die Schweizer Elektrizitätsunternehmen. Ihr Verband, der VSE, hat erstmals einen sogenannten Stromversorgungsindex publiziert. Darin erreicht die Schweiz im Jahr 2050 nur 69 von 100 Punkten. Was heisst das? SRF-Wirtschaftsredaktor Klaus Ammann klärt die wichtigsten Fragen.

Klaus Ammann

Wirtschaftsredaktor

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Der Historiker und Russist ist seit 2004 als Redaktor bei Radio SRF tätig. Seit 2011 arbeitet Klaus Ammann für die Wirtschaftsredaktion. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Energie- und Klimathemen.

Geht der Schweiz der Strom aus?

Wohl kaum. Die Schweiz wird bis 2050 technisch verschiedene Möglichkeiten entwickeln können, um zusätzlichen Strom zu produzieren, um neue Speicherkapazitäten zu nutzen, und sie wird aus dem umliegenden Ausland Strom importieren können. Zu welchen Kosten dies geschieht und wie sauber der eingesetzte Strom sein wird, ist eine andere Frage.

Was misst der Index?

Der Index ist gedacht als Frühwarnsystem für die Versorgungssicherheit. Die Autorenschaft untersucht anhand von fünf Indikatoren – Stromnachfrage (86 von 100 Punkten), erneuerbare Energien (83), Flexibilität (52), zusätzliche Stromproduktion (63) und Netz (57) – wie sich der Stromversorgungsgrad voraussichtlich entwickelt. Insgesamt erreicht das System 2035 so 82 Punkte und landet 2050 bei 69 Punkten. Damit sei die Versorgungssicherheit bis Mitte des Jahrhunderts nicht gewährleistet. Am schlechtesten schneidet übrigens der Bereich Flexibilität ab. Weil die Wasserkraftkapazitäten nicht wie geplant ausgebaut werden, könnte die Schweiz zu wenig flexibel auf Schwankungen in der Produktion reagieren.

Was fordert der VSE?

Er appelliert an die Politik, dass sie den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion (v.a. Solar, Wind und Wasser) beschleunigen solle. Insbesondere im Winter müsse die Schweiz künftig mehr Strom selbst produzieren. Kernkraftwerke sollten so lange wie möglich weiterbetrieben und für Mangellagen Gaskombikraftwerke bereitgestellt werden. Auch die Stromnetze müssten laut dem VSE schneller und stärker als geplant ausgebaut werden. Die Nachfrage nach Strom werde nämlich stärker wachsen als bisher angenommen. Den grössten Hebel sieht der VSE in guten Beziehungen zu den Nachbarländern. Das geplante Stromabkommen mit der EU würde den Indexwert für 2050 von 69 auf 84 Punkte verbessern.

Unterschätzt der VSE Sonne und Wind?

Promotoren der Energiewende, wie der Präsident der Grünliberalen, Jürg Grossen, der selbst eine Roadmap für die Energiewende in der Schweiz entwickelt hat, begrüssen den Index zwar als Gradmesser. Inhaltlich kritisiert Grossen aber unter anderem, dass der VSE den Ausbau der Sonnenstromproduktion unterschätze. Dieser sei zwar im letzten Jahr leicht unter den Erwartungen geblieben. Unter den richtigen Rahmenbedingungen werde die Fotovoltaik gerade in den Wintermonaten die Wasserkraft entlasten, ist Grossen überzeugt. Christian Schaffner, Direktor des EnergyScienceCenters der ETH Zürich, glaubt zudem, dass punkto Flexibilität künftig auch Elektroautos mit ihren Batterien und die saisonale Wärmespeicherung mit Wärmepumpen eine wichtige Rolle zur Lösung des Winterstromproblems spielen werden.

Wie aussagekräftig ist der Index?

Der Index ist wertvoll als Gradmesser. Er benennt zentrale Herausforderungen der Energiewende. Mit seinen Punktzahlen suggeriert er jedoch eine Genauigkeit, die trügerisch sein kann. Beispielsweise im Bereich der Stromspeicherung entwickeln sich Markt und Technologie so rasch, dass sich die Versorgungssicherheit schon in wenigen Jahren anders präsentieren könnte.

Echo der Zeit, 12.1.2026, 18 Uhr ; 

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