Rededuell: Generalversammlungen können richtig spannend sein, mit eigentlichen Wortgefechten. Kritische Aktionärsgruppen greifen den Verwaltungsrat an und dieser reagiert. Bei Versammlungen vor Ort müssen sich die Kontrahenten in die Augen blicken – Gesten sind oft vielsagender als Worte. Und auch nach der eigentlichen Versammlung können sich die verschiedenen Lager zum Austausch treffen. Dieses Stück Aktionärsdemokratie geht mit virtuellen Versammlungen verloren. Als eine der ersten grossen Schweizer Firmen setzt die Swatch-Gruppe komplett auf virtuelle Generalversammlungen und erntet Kritik.
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Bild 1 von 4. Mit dem Cervelat die Welt erklären. Kleinaktionär an der Generalversammlung der UBS in der St. Jakobshalle in Basel im April 2008. Bildquelle: Keystone / Georgios Kefalas.
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Bild 2 von 4. Aktionär argumentiert mit den Schlagzeilen einer Zeitung und streckt diese dem Verwaltungsrat entgegen: an der GV der Credit Suisse in Zürich im April 2008. Bildquelle: Keystone / Alessandro della Bella.
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Bild 3 von 4. Ist er müde oder nerven ihn einfach nur die Aktionäre? Solche Regungen bleiben an physischen Generalversammlungen nicht verborgen. Oswald Grübel, der damalige UBS-Chef, an der GV 2009. Bildquelle: Keystone / EQ Images / Andreas Meier.
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Bild 4 von 4. Auch dies gehört zu einer Generalversammlung: Kritische Gruppierungen versammeln sich vor Ort. GV von Glencore in Zug im November 2012. Bildquelle: Keystone / Sigi Tischler.
Neuerung im Aktienrecht: Dass eine Firma die Generalversammlung nur noch rein virtuell durchführen kann, ist relativ neu. Im Juni 2020 verabschiedete das Parlament die dritte grosse Aktienrechtsrevision, die Anfang 2023 in Kraft trat. Seither kann eine Schweizer Firma ihre GV sogar im Ausland durchführen und sie übertragen. Die Swatch-Gruppe nutzt die Neuerung und führt ihre GV nur noch virtuell durch.
Platzmangel in Biel: Die Swatch-Gruppe begründet diesen Schritt mit den prekären Platzverhältnissen in Biel und Umgebung. Es sei schwierig, einen Veranstaltungsort für mehrere tausend Aktionärinnen und Aktionäre zu finden. Letztmals hat Swatch 2019 eine GV vor Ort durchgeführt in einer Mehrzweckhalle in Grenchen. In den Jahren der Pandemie durften die Schweizer Unternehmen aufgrund der besonderen Lage die Versammlungen auch unter dem alten Aktienrecht virtuell durchführen.
Kritik an Online-Generalversammlungen: Das virtuelle Format der GV wurde in der Vergangenheit wiederholt kritisiert. Die Anlagestiftung Ethos moniert, dass rein virtuelle Generalversammlungen die Aktionärsrechte untergraben. Der direkte Austausch werde erschwert. In einem virtuellen Umfeld sei es fast unmöglich, spontane Gegenanträge zu stellen. Eine weitere Kritik kommt von Actares, einer Vereinigung, die sich für nachhaltiges Wirtschaften einsetzt. Die virtuellen Formate würden zu einer Abkapselung von Unternehmen führen – der direkte Kontakt gehe verloren.
Kritik auch an der Swatch-Gruppe: Zusätzlich zu den generellen Befürchtungen wird auch der Swatch-Verwaltungsrat kritisiert, insbesondere von Aktionär Steven Wood. Der Investor aus den USA kritisiert die Dominanz der Familie Hayek und die verschlossene Führungsstruktur. Die digitale Plattform erleichtere es der Führung, kritische Stimmen zu neutralisieren. Die Anweisungen zu den Abstimmungen seien unklar und verwirrend. Wood fordert, dass die Aktionärsversammlung künftig zwingend an einem Tagungsort in der Schweiz mit möglicher physischer Teilnahme der Aktionäre stattfinden solle.
Online-Generalversammlung gerät ins Wanken: Nach der jüngsten Kritik will die Swatch-Gruppe nun über die Bücher. Der Uhrenhersteller prüft, im kommenden Jahr erstmals wieder eine physische GV abzuhalten, wie Verwaltungsratspräsidentin Nayla Hayek sagt. Der technische Partner habe ein neues System eingeführt, das einen grösseren Spielraum bringe. Im Gegensatz zur Swatch-Gruppe halten sich die meisten grossen Schweizer Firmen bei reinen Online-Generalversammlungen zurück und setzen nach wie vor auf Veranstaltungen vor Ort.