Der Iran-Krieg hat zu volatilen Preisen bei Rohöl geführt. Als Reaktion auf die Turbulenzen hat die Internationale Energieagentur IEA ihren Mitgliedern letzte Woche empfohlen, einen Teil der nationalen Ölreserven freizugeben. Konkret betrifft diese Empfehlung 400 Millionen Fass Öl. Die Schweiz beteiligt sich vorerst nicht an der freiwilligen Freigabe von Ölreserven. Andere Länder, etwa Deutschland, wollen sich daran beteiligen. Die deutsche Energieexpertin Claudia Kemfert hält die aktuelle Freigabe für falsch.
SRF News: Hat die IEA mit der Freigabe der Ölreserven ihr Ziel erreicht?
Claudia Kemfert: Das Ziel, den Ölpreis zu senken, hat man eindeutig nicht erreicht. Ich habe auch nicht damit gerechnet. Dafür ist die Situation zu gravierend, weil die Strasse von Hormus noch immer gesperrt ist und dort 20 Prozent des globalen Ölverbrauchs durchgeht. Wenn das nicht stattfinden kann, wird es früher oder später Knappheiten geben. Der Markt preist die Risiken und Erwartungen möglicher Versorgungsengpässe, in denen wir aktuell nicht drin sind, ein. Die IEA hat versucht, dagegen zu handeln. Das hat nicht funktioniert.
Jetzt haben wir wertvolle Reserven freigegeben, die wir vielleicht später brauchen.
Wie beurteilen Sie den Zeitpunkt der Freigabe der Ölreserven?
Ich halte den Zeitpunkt für zu früh, weil wir noch keine Ölknappheit haben. Es ist ein Notfallinstrument, es sollte dafür eingesetzt werden, die Märkte zu beruhigen und Preise zu stabilisieren. Beides hat nicht wirklich funktioniert. Wir laufen in eine mögliche Ölknappheit rein, je länger die Strasse von Hormus gesperrt ist und dort kein Öl und Gas durchkommt.
Was heisst das im Umkehrschluss?
Ich hätte die Reserven zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht freigegeben, denn sie verpuffen ja vollständig. Jetzt haben wir wertvolle Reserven freigegeben, die wir vielleicht später brauchen. Es wäre besser, man würde erst einmal alles dafür tun, die kriegerischen Auseinandersetzungen einzudämmen, die Strasse von Hormus wieder frei zu bekommen. Wenn das nicht funktioniert, muss man Wege finden, den Verbrauch zu drosseln. Man muss in allen Ländern Sparmassnahmen anschieben und nicht einfach so weitermachen wie bisher.
Über welche Puffer verfügt die Welt in Sachen Öl noch?
Aufgrund des sehr stark gestiegenen Preises gibt es auch Möglichkeiten, dass Öl an anderer Stelle durchgeleitet wird, beispielsweise in Saudi-Arabien durch die Ost-West-Pipeline. Dort kann knapp die Hälfte der Ölmenge, die sonst durch die Strasse von Hormus geht, transportiert werden. Auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus verläuft eine Pipeline, die zwar nicht so grosse Kapazitäten hat, aber man könnte sie zumindest nutzen. Es gibt auch alternative Transportrouten, die zumindest einen Teil dieser fehlenden Öltransporte auffangen können. Und auch andere Länder können mehr fördern, Russland gehört dazu. Es gibt in der kurzen Frist also durchaus Möglichkeiten, dass die Märkte reagieren.
Bis jetzt ist die Freigabe von Ölreserven freiwillig. Was müsste denn passieren, dass dies verpflichtend wird?
In einer absoluten Notfallsituation wird dieses Instrument gezogen. Das heisst, wenn wirklich echte Knappheiten auftreten und der Ölmarkt nicht mehr funktioniert, kein ausreichendes Öl vorhanden ist und viele Länder nicht beliefert werden können, dann greift diese Verpflichtung. Aber das ist ein absolutes Notfallinstrument für solche Zeiten, in denen es gar nicht mehr anders geht.
Das Gespräch führte Rahel Winkelmann.