Antibiotika-Allergien – lästig bis lebensgefährlich

Bis zu fünf Prozent der Menschen reagieren allergisch auf ein Antibiotikum. Oft reicht es schon, das Medikament abzusetzen und auf eine andere Antibiotika-Familie auszuweichen. Doch wenn es keine Ausweichmöglichkeiten mehr gibt, wird es kritisch.

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Antibiotika-Allergie

6:18 min, aus Puls vom 2.9.2013

Viele Menschen glauben, sie hätten eine Medikamentenallergie, wenn sie ein bestimmtes Medikament nicht vertragen. Häufig leiden sie unter Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall oder Scheidenpilzbefall – was jedoch mit einer Allergie nichts zu tun haben.

Nur ein Sechstel aller Nebenwirkungen von Medikamenten ist allergischer Natur. Das heisst, im Patienten läuft eine Immunreaktion gegen das Medikament ab. Ähnlich wie sich der Körper gegen einen Erreger wehrt, wehrt er sich bei der Medikamentenallergie gegen das Medikament.

Im Prinzip kann jedes Medikament eine Allergie verursachen, am häufigsten geschieht dies jedoch bei Antibiotika. Hier sind die «Übeltäter» vor allem sogenannte Penicilline und Cephalosporine.

Allergiesymptome

Wenn es innert Stunden zu Quaddeln, Nesselfieber, Atemnot und Kollaps kommt, muss das Medikament abgesetzt und der Arzt benachrichtigt werden. Dasselbe Vorgehen ist angebracht beim Auftreten von Blasen bei Beteiligung der Schleimhäute (Blasen, «Bibeli» in Mund oder Scheide), bei blutig unterlaufener Haut oder falls neu Fieber auftritt. Wer unter starkem Juckreiz leidet, sollte ebenfalls den Arzt aufsuchen.

So gehen Sie vor, wenn Sie eine Antibiotika-Allergie vermuten:

  • Halten Sie fest, wann Sie welches Medikament (auch andere, nicht nur das Antibiotikum) eingenommen haben, in welcher Reihenfolge und was danach passiert ist. Schildern Sie dem behandelnden Arzt möglichst genau die Symptome. Tipp: Hautveränderungen fotografieren.
  • Nehmen Sie zum Arzt alle Medikamente mit, die Sie in letzter Zeit eingenommen haben – auch Naturheilmittel.
  • Wenn Sie von Ihrem Arzt einen Allergiepass bekommen, nehmen Sie ihn immer mit.

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3:20 min, vom 2.9.2013

Einmal allergisch – wie weiter?

Die gute Nachricht: Die meisten Leute, die glauben, sie hätten eine Antibiotika-Allergie, haben gar keine. Und: Eine Antibiotika-Allergie kann wieder verschwinden. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine eindeutigen Anzeichen, ob jemand allergisch ist oder nicht, bis das Medikament eingenommen wurde.

Wenn die damalige Allergie nicht extrem war (ohne Anschwellung der Atemwege), kann der Arzt zum gleichen Antibiotikum greifen und ausprobieren, ob die allergische Reaktion wieder auftritt. Eine weitere Methode, die jedoch aufwändig ist und nur in spezialisierten Zentren angeboten wird, ist ein genauer Allergietest. In der Regel läuft dieser folgendermassen ab:

  • Bluttest Es wird untersucht, ob bestimmte Blutzellen mit dem gewünschten Antibiotikum reagieren.
  • Pricktest Die oberste Hautschicht wird mit einem oberflächlichen, kleinen und schmerzfreien Stich durchstochen und kleine Menge des gelösten Antibiotikums dazugegeben. Danach wird kontrolliert, ob sich eine Quaddel bildet.
  • Intradermaltest Eine kleine Menge des gelösten Medikaments wird in die Haut gespritzt. Zirka zehn Minuten sowie 24 Stunden und 48 Stunden später wird kontrolliert, ob eine Hautveränderung an der Einstichstelle auftritt.
  • Patchtest Das Antibiotikum wird mit einem Pflaster auf die Haut geklebt und bleibt dann für zwei Tage auf der Haut. Beim Entfernen sowie einen bzw. mehrere Tage später wird kontrolliert, ob Hautveränderungen aufgetreten sind.

Hoffnung Desensibilisierung

15 Prozent der Antibiotikum-Allergiker reagieren auf keine der Hauttests, sind aber trotzdem allergisch. Hier hilft nur noch ein Provokationstest: Das Antibiotikum wird unter Aufsicht verabreicht und die Reaktion beobachtet.

Das Problem dieser Untersuchung: Die Allergie kann wieder verschwinden. Somit müsste immer wieder ein solcher Test durchgeführt werden.

Ist man aber auf ein spezielles Antibiotikum angewiesen und reagiert darauf allergisch, besteht bei zwei Drittel aller Patienten die Chance auf eine Desensibilisierung. Das gewünschte Antibiotikum wird in kleinsten Mengen verabreicht, die über Stunden bis Tage gesteigert werden, bis schliesslich die gesamte Dosis eingenommen werden kann.

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