15.06.2017645 Ansichten

Der Kraftakt

An Schweizer Gymnasien stammen weniger als zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler aus fremdsprachigen Familien. Das Projekt ChagALL des Seminars Unterstrass in Zürich bereitet Jugendliche mit Migrationshintergrund auf die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium vor. Gemeinsam ist den Jugendlichen der starke Wunsch nach einer guten Bildung, die für die Integration der Zugewanderten ein wichtiger Faktor ist. Die einen wurden hier geboren, die anderen kamen mit ihren Eltern in die Schweiz. Die Jugendlichen, die im Film porträtiert werden, stammen aus verschiedensten Kulturräumen: Somalia, Afghanistan, Sri Lanka aber auch Auslandschweizer befinden sich darunter. Die Gründe, weshalb der Nachwuchs der zugewanderten Familien in den höheren Bildungsstätten stark untervertreten ist, sind vielfältig: besonders ausschlaggebend sind die fehlende fachliche Unterstützung der Eltern und die mit dem familiären Hintergrund einhergehende Sprachbarriere. Wegen der hohen sozialen Selektivität der Schulen werden, laut Schweizer Fachleuten, Migrantenkinder und -jugendliche in der Schweiz in unterschiedlichem Ausmass systematisch benachteiligt. Auch in den Sekundarschulen oder Realschulen würden sie durch die Lehrpersonen, vielmals auch unbewusst, tiefer beurteilt. Das Seminar Unterstrass in Zürich hat vor rund zehn Jahren das Projekt „ChagALL“ (Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn) lanciert. Begabte Jugendliche von Migrantenfamilien mit niedrigen Einkommen werden in diesem Programm auf die Prüfung für die Mittelschule vorbereitet. Falls ihnen der Eintritt ins Gymnasium gelingt, werden sie auch während ihrer Zeit im Gymnasium fachlich unterstützt. Dokumentarfilmer Yusuf Yeşilöz begleitet in seinem neuen Dokumentarfilm eine Gruppe dieser Jugendlichen während acht Monaten auf dem Weg zur Gymiprüfung. Zusätzlich zur Sekundarschule besuchen die Schülerinnen und Schüler am Mittwochnachmittag und am Samstagvormittag sechs Stunden den Vorbereitungskurs für die Gymiprüfung. Ebenfalls kommen noch einige Stunden Hausaufgaben hinzu. Diese Doppelbelastung führt mit der Zeit zu einer Schwächung der Motivation. Die Chagall-Leitung begleitet die Schüler jedoch von nahe, führt individuelle Gespräche mit ihnen und versucht herauszufinden, wo der Schuh drückt. Der Erfolg des Programms der letzten Jahre betrug im Durchschnitt rund siebzig Prozent. Für diesen einzigartigen Erfolg ist in erster Linie der starke Wille der Schülerinnen und Schüler ausschlaggebend. Sie zeigen eine grosse Bereitschaft, ihre Freizeit zu opfern. Das gemeinsame Lernen und die Gruppendynamik motivieren sie zusätzlich. Der Zusatzunterricht bietet ihnen gute Voraussetzungen, ihre Defizite aufzuholen. Die Lernenden haben ein klares Ziel vor Augen: eine höhere Bildung. Und sie wissen, dass dies ohne einen grossen Sonderaufwand nicht möglich ist.

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