27.06.201919901 Ansichten

Profit oder Leben? – Wenn das Gesundheitswesen an die Grenze geht

Wie viel ist ein Menschenleben wert? Die Frage stellt sich, seit Novartis eine Gentherapie für 370'000 Franken auf den Schweizer Markt gebracht hat. Wie kommt ein solcher Preis zustande? «DOK» folgt den Spuren der Krebskillerzellen: ein Pharmakrimi, der aufzeigt, wie die Branche funktioniert.

Der 40-jährige Familienvater Michael Monstein leidet an einer seltenen Form von Lymphdrüsenkrebs. Chemotherapien haben versagt, seine letzte Hoffnung liegt in der Gentherapie Kymriah, die letzten Herbst zugelassen wurde: Dem Patienten werden Immunzellen entnommen, bei Novartis in den USA gentechnisch zu Krebskillerzellen umprogrammiert und dem Patienten als Infusion zurückgegeben. Die Krankenkassen sind nicht bereit, die von Novartis geforderten 370'000 Franken zu bezahlen. Sie klagen über mangelnde Transparenz, ein systemisches Problem: Einerseits halten die Pharmafirmen ihre Entwicklungs- und Herstellungskosten geheim, andrerseits sind die Anforderungen der Behörden an die Datenlage bei Medikamenten für seltene Erkrankungen verhältnismässig klein. Die Studienresultate von Kymriah reichen nur über 18 Monate: Bei 40 Prozent kehrt der Lymphdrüsenkrebs in dieser Zeit nicht zurück, ob Kymriah langfristig nützt, weiss niemand. Die Krebskillerzellen wurden nicht in den Labors von Novartis erfunden, sondern an einer US-Universität. Kein Einzelfall: Über 60 Prozent der neu zugelassenen Medikamente in den USA wurden von kleinen Biotechfirmen entwickelt. Pharmafirmen fungieren heutzutage vielfach als Kapitalgeber, die mit Universitäten zusammenarbeiten oder Biotechfirmen aufkaufen. Jüngstes Beispiel ist die weltteuerste Gentherapie Zolgensma, die Novartis in den USA für 2,1 Millionen Dollar verkauft, nachdem der Konzern die Biotechfirma Avexis, die Zolgensma entwickelte, für 8,7 Milliarden Dollar übernommen hat. «Der Kaufpreis beeinflusst den Medikamentenpreis», sagt Investor Alfred Scheidegger. Als Universitätsprofessor Carl June vor fast 30 Jahren mit seiner Forschung begann, interessierte sich kein Pharmakonzern dafür. «Nur dank 20 Millionen an Steuergeldern und Spenden von Philanthropen konnten wir Kymriah entwickeln», sagt June. Novartis rief erst 2012 an, als die Erfolgsgeschichte eines leukämiekranken Mädchens um die Welt ging, dessen Krebs dank Kymriah verschwand. Durch einen Kooperationsvertrag mit der Universität konnte sich Novartis das exklusive Vermarktungsrecht für Kymriah sichern. Um Kymriah an den Markt zu bringen, hat Novartis sodann weltweite klinische Studien finanziert. In der Pharmaindustrie hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Wurden hohe Medikamentenpreise früher mit den Forschungskosten begründet, so argumentiert die Branche heute mit dem Wert eines Medikaments; dem Wert von gewonnener Lebenszeit. Das Gesundheitswesen sei kein Luxusmarkt, warnen Kritiker und verweisen auf die Rationierung in England, wo ein zusätzliches Lebensjahr nicht mehr als 50'000 britische Pfund also rund 63'000 Franken kosten darf. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Novartis-Manager Emanuele Ostuni preist wertbasierte Preismodelle, auf die Frage, ab welchem Betrag er das Gesundheitswesen rationieren würde, hat er aber keine Antwort. Unterdessen wartet Michael Monstein auf seine Krebskillerzellen aus den USA. Wird er es schaffen?

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