Ein Jahr nach dem Bergsturz von Blatten ist für die Gemeinde klar: Das Dorf soll wieder aufgebaut werden. Die evakuierte Bevölkerung soll bis 2030 ins neue Blatten zurückkehren können. Viele wollen zurück in ihr Dorf. Doch bietet ein neues Dorf dieselbe Heimat wie das alte Blatten? Und macht es Sinn, das Dorf in der Nähe des alten wieder aufzubauen?
Es gibt Gründe, die dafür sprechen, aber auch Gegenargumente. SRF hat mit vier verschiedenen Personen über Blatten, Heimat und Wiederaufbau gesprochen.
Nicole will zurück
Nicole Kalbermatten ist eine der Protagonistinnen in der SRF-Podcast-Serie «Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat». An einer Veranstaltung in Bern erzählt sie, dass sie ihre Heimat Blatten vermisst. Vor allem vermisst sie die Menschen, die sie in Blatten um sich hatte: Ihre Grosseltern zum Beispiel, die sie früher in wenigen Minuten zu Fuss erreichen konnte. Heute muss sie ins Auto sitzen, um sie zu besuchen.
Ich freue mich aufs neue Blatten.
Als sie nach dem Bergsturz nach Blatten zurückgekehrt sei, um die Katze ihrer Oma zu suchen, sei es ihr zuerst schlecht gegangen, als sie die Zerstörung gesehen habe. Doch dann habe sie sich umgeschaut und gesehen, dass nicht alles weg sei: «Ich kann es nicht erklären, aber es ist mir einfach gut gegangen.»
Sie hat die Entscheidung getroffen, dass sie mit Ihrer Familie nach dem Wiederaufbau nach Blatten zurückkehren will. Sie sieht darin auch eine Chance, etwas Neues zu schaffen: «Ich freue mich aufs neue Blatten».
Jelena ist hin- und hergerissen
Auch Jelena Kalbermatten war an der Veranstaltung in Bern dabei. Nach dem Bergsturz ist ihr die räumliche Nähe zur alten Heimat zu viel geworden. Sie hat Blatten und das Wallis verlassen und ist nach Davos gegangen. Nun ist sie zurück im Kanton Wallis.
Ich bin mir nicht sicher, ob man das, was mir fehlt, wieder aufbauen kann.
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Auch Jelena vermisst ihre Heimat. Sie glaubt aber nicht, dass sich ein neues Blatten wieder wie Heimat anfühlen wird, da sie dort nicht aufgewachsen ist und viele persönliche Erinnerungen an bestimmte Orte gebunden sind, die nicht mehr existieren: «Ich bin mir nicht sicher, ob man das, was mir fehlt, wieder aufbauen kann.»
Auch die Menschen werden nicht mehr dieselben sein: Nicht alle werden zurückkommen, sagt Jelena. Deshalb lässt sie es auf sich zukommen, ob sie in ein neues Blatten zurückkehren wird oder nicht.
Der Gemeindepräsident will vorwärts machen
Der Gemeindepräsident von Blatten, Matthias Bellwald, spricht an der Veranstaltung in Bern über den Wiederaufbau und den Zeitdruck, der dahintersteckt. Es gehe darum, die Motivation der Bewohnerinnen und Bewohner nicht zu verlieren und eine Perspektive zu bieten.
Für Familien stellt sich die Frage: Wo schicke ich meine Kinder in die Schule?
Junge Familien müssten jetzt wissen, wie es weitergeht, um planen zu können. Man könne nicht einfach zehn Jahre warten, dann seien die kleinen Kinder von heute in der Pubertät: «Für Familien stellt sich die Frage: Wo schicke ich meine Kinder in die Schule?»
Es geht darum, eine Grundlage für die nächsten Generationen zu schaffen, damit sie Freude am Wohnen und Leben in Blatten haben. Matthias Bellwald ist deshalb zuversichtlich, dass im Jahr 2030 einige neue Häuser stehen werden. Nicht genau dort, wo das alte Dorf war, sondern an einem etwas höheren, sichereren Ort.
Wie soll das neue Blatten aussehen und wie kann erreicht werden, dass es sich für die Bewohnerinnen und Bewohner nach einem Zuhause anfühlt? Die Gemeinde hat dazu einen Workshop mit Interessierten durchgeführt, damit das neue Blatten Heimat für alle wird, die ins neue Blatten ziehen wollen.