Mitten im neu entstandenen Stausee von Blatten ragt das Haus der Familie Bellwald aus dem Wasser. Die Lonza reicht bis unters Dach, grauer Schlamm klebt an den Fenstern, im Innern fault alles vor sich hin.
Nach dem Bergsturz im Mai 2025 bleibt das Haus zwar stehen – gerettet ist trotzdem nichts. Wasser, Schimmel und Geruch haben das Zuhause der vierköpfigen Familie zerstört. Dort, wo früher Kinder spielten und Nachbarn vorbeikamen, liegt heute eine gespenstische Landschaft aus Schlamm und Geröll.
«Das sind meine Wurzeln»
Als Blatten wenige Tage vor dem Bergsturz evakuiert wird, nimmt die Familie Bellwald fast nichts mit. Niemand rechnet mit diesem Ausmass. Stephanie ist in Wiler und sieht von dort aus, wie der Berg ins Tal donnert. «Wir konnten live zusehen, wie der Berg runterkam. Ich glaube, das bleibt noch lange.» Kleider, Erinnerungen und persönliche Gegenstände bleiben im Haus zurück – und verschwinden wenig später im Wasser.
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Bild 1 von 4. Das Haus der Familie Bellwald steht mitten im Stausee der Lonza. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Das Haus überlebt den Bergsturz – aber nicht das Wasser. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Schlamm und Wasser reichen zeitweise bis unters Dach. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Im Haus gibt es fast nichts zu retten. Bildquelle: SRF.
Als der Pegel des Stausees sinkt, darf die Familie im Oktober 2025 ihr Haus wieder betreten. Es ist ein Moment, vor dem sie sich monatelang gefürchtet hat.
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Bild 1 von 14. Bellwalds sind nervös – sie ahnen, dass viele Erinnerungen im Haus zerstört sind. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 14. Mit einer Leiter steigen sie zum Balkon in den ersten Stock hinauf. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 14. Schon vor dem Fenster zögert Stephanie: «Wollen wir überhaupt reingehen? Das ist Hardcore.» . Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 14. Die Küche. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 14. Das Sofa wird an die Wand geschwemmt. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 14. Im Haus riecht es nach Schimmel und verfaultem Essen. Bildquelle: SRF.
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Bild 7 von 14. Möbel und Erinnerungsstücke sind durchnässt und kaputt. Bildquelle: SRF.
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Bild 8 von 14. Stephanie findet eines der beiden Goldvrenelis, die die Gotte ihren Kindern geschenkt hat. Bildquelle: SRF.
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Bild 9 von 14. Die allermeisten Fotos sind zerstört. Bildquelle: SRF.
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Bild 10 von 14. Der Schimmel verbreitet sich im ganzen Haus. Bildquelle: SRF.
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Bild 11 von 14. Die Wände sind mit Schimmel bedeckt. Bildquelle: SRF.
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Bild 12 von 14. Richard und Stephanie erschöpft vor ihrer Haustür, bevor sie sich in den Waschkeller begeben. Bildquelle: SRF.
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Bild 13 von 14. In der Waschküche und im Keller sucht Richard weiter nach brauchbaren Gegenständen. Bildquelle: SRF.
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Bild 14 von 14. Stephanie nimmt einen Stuhl ihres Grossvaters mit. Bildquelle: SRF.
Richard Bellwald ist in Blatten geboren, arbeitet seit 2011 als Wildhüter in der Region und verbindet praktisch jede Erinnerung mit dem Dorf. «Wenn man hier vorbeifährt, sieht man nicht den Schuttkegel, sondern den Ort, an dem man gelebt hat und der ein sicherer Rückzugsort war. Dann fühlt man sich immer, als würde einem ein Messer in die Seite gestossen.»
«Mein Gefühl sagt, dass ich hierher zurückmuss»
Der 51‑Jährige verliert mehr als nur sein Haus. «Das war mein Leben. Und jetzt ist nichts mehr da, wohin … man nach Hause kommen kann», sagt er mit zitternder Stimme.
Einen Plan B gibt es für ihn und seine Frau Stephanie nicht. Sie wollen zurück nach Blatten. «Das sind meine Wurzeln, das ist meine Heimat. Mein Gefühl sagt, dass ich hierher zurückmuss.»
«Perfekt, bis es ‹bumm› machte»
2017 erfüllen sich Stephanie und Richard Bellwald einen grossen Traum. Sie bauen in Blatten ihr eigenes Haus. Ein neues Zuhause, mitten im Lötschental, mit Blick auf die Berge und genügend Platz für ihre kleine Familie. «Es war ein riesiger Wunsch von uns, etwas Eigenes zu haben», sagt Richard.
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Bild 1 von 5. 2017 baut die Familie Bellwald ihr Traumhaus in Blatten. Bildquelle: Privat / Familie Bellwald.
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Bild 2 von 5. Das Haus liegt ruhig mit Blick auf die Lonza im Lötschental. Bildquelle: Privat / Familie Bellwald.
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Bild 3 von 5. Für Richard und Stephanie geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Bildquelle: Privat / Familie Bellwald.
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Bild 4 von 5. Ihre Kinder Aron und Annina wachsen in Blatten auf. Bildquelle: Privat / Familie Bellwald.
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Bild 5 von 5. Heute schaut Stephanie die Fotos vom letzten Fest an, das sie dort gefeiert haben. «Damals war eigentlich alles perfekt», sagt sie. «Und einen Monat später machte es ‹bumm›.» . Bildquelle: Privat / Familie Bellwald.
«Es wäre vielleicht sogar einfacher, wenn es unter dem Schutt begraben wäre», sagt Richard. «Dann müsste man es sich nicht anschauen.» Das Schlimmste sei, dass nichts mehr übrig geblieben sei. «Es ist nicht so, wie wenn das Dorf abgebrannt wäre. Dann könnte man zu den Mauern gehen und sagen: »Hier bauen wir das Haus wieder auf›. Aber in diesem Fall ist alles weg.»
Die Hoffnung auf ein neues Blatten
Die Bellwalds wollen zurück. Doch wie dieses neue Leben aussehen wird, ist unklar. Wegen der neuen Gefahrenkarte liegen alle Grundstücke von Richard Bellwald in der roten Zone. «Vorher hatte ich 2000 Quadratmeter, jetzt habe ich gar nichts mehr», sagt er. «Das ist schon eine spezielle Ausgangslage.»
Das neue Blatten soll leicht versetzt wieder aufgebaut werden. Weil künftig weniger Bauland zur Verfügung steht, müssen die Menschen enger zusammenrücken. Viele Familien verlieren nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihr Land.
Trotzdem halten die Bellwalds an ihrer Hoffnung fest. Richard möchte irgendwann wieder frei durchs Tal gehen können, ohne Sperrzone und Kontrollen. Stephanie glaubt, dass das Heimweh vielleicht erst verschwindet, wenn sie gemeinsam wieder in Blatten leben können.