Die Fifa, der Weltfussballverband mit Sitz in Zürich, steht kurz vor der grössten Fussball-Weltmeisterschaft aller Zeiten: Vom 11. Juni an werden sich 48 Nationen in den USA, Kanada und Mexiko miteinander messen. Für Sepp Blatter, Ex-Fifa-Präsident, nicht unbedingt ein Grund zur Freude: Der 90-jährige Walliser kritisiert die Amtsführung seines Nachfolgers Gianni Infantino scharf.
SRF News: Herr Blatter, zum ersten Mal treten bei einer Fussball-WM 48 Länder gegeneinander an. Wie stehen Sie dazu?
Blatter: Ach, da könnte man ja gleich einen Grand Slam machen mit 128 Mannschaften! Im Ernst: 48 Nationen sind einfach zu viel. Aber jetzt lassen wir sie mal spielen und dann sehen wir, ob das gut kommt oder nicht.
Werden Sie sich die WM-Spiele anschauen?
Ja, sicher, der Fussball ist ja mein Leben. Aber ich gehe nicht mehr ins Stadion. Ich gehe nur noch auf kleine Fussballplätze, weil mich das interessiert, aber in grosse Stadien gehe ich nicht mehr.
Sie haben Ihren Nachfolger Gianni Infantino in den letzten Monaten mehrfach kritisiert. Was stört Sie?
Er ist meiner Meinung nach nicht gut für den Fussball. Er hat die Fifa politisiert – so sehr, dass sie jetzt sogar einen Friedenspreis an den US-Präsidenten vergibt! Das ist wirklich nicht der Auftrag der Fifa. Es geht darum, dass wir eine friedlichere Welt schaffen durch das Spiel – und nicht durch Friedenspreise.
Nur ein Spieler kann König des Fussballs sein, aber doch kein Funktionär!
Wenn aber 211 Nationalverbände, weltberühmte Fussballclubs und Millionen von Spielern dazu nicht ein kritisches Wort sagen – warum soll ich dann der einsame Rufer in der Wüste sein? Die Gemeinschaft des Fussballs muss das machen, nicht ich.
US-Präsident Trump hat Infantino zuletzt «King of Soccer» (König des Fussballs) genannt. Ist er das?
Da lache ich. Wir haben im Fussball einen einzigen King gehabt, das ist der Pelé gewesen. Nur ein Spieler kann König des Fussballs sein, aber doch kein Funktionär! Das gibt es nicht.
Nach der Wahl 2016 von Infantino haben Sie sich noch positiv über ihn geäussert. Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Im Grunde genommen sind wir geschiedene Leute. Wissen Sie, Infantino besuchte mich kurz nach seiner Wahl 2016 ein paar Mal in meiner Wohnung in Zürich. Und wie das so ist, wenn gute Walliser am Abend zusammenkommen: Wir tranken ein Glas Wein und assen Trockenfleisch. Infantino bot mir an, mir zu helfen.
Es hiess dann plötzlich: Infantino würde nur noch via Anwalt mit mir kommunizieren.
Ich hatte ja noch sehr viele persönliche Gegenstände in der Fifa-Zentrale, es war alles so schnell gegangen nach meiner Suspendierung im Herbst 2015, ich konnte nicht einmal meinen Tresor räumen. Er sagte, ich solle ihm aufschreiben, was ich davon brauche, und er würde sich drum kümmern. Ich erkundigte mich dann etwas später telefonisch bei ihm, aber aus seinem Sekretariat hiess es dann plötzlich: Er würde nur noch via Anwalt mit mir kommunizieren. Ein paar Sachen habe ich dann wiederbekommen, aber nicht alle.
Sie haben sich also nicht wiedergesehen?
Nein, er hat alle Versuche abgeblockt. Dabei würde ich ihn gerne treffen: Erst ein paar klare Worte sagen und klären, warum er den Kontakt einfach abgebrochen hat. Und dann ein Glas Wein trinken.
Das Gespräch führten Raphael Günther, Oliver Kerrison und Isabel Pfaff.