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15 Jahre nach Fukushima Zurück in die Zukunft – mit Mini-Atomkraftwerken

Die EU will mehr in die Atomkraft investieren – vor allem in «Small Modular Reactors». Der kommerzielle Praxistest steht noch aus.

Am 11. März 2011 löst ein Seebeben im Pazifik einen Tsunami aus. Er fegt über die japanische Küste und beschädigt ein Kernkraftwerk im japanischen Fukushima.

Es ist die grösste Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl. Japan schaltet alle 54 Reaktoren ab. Deutschland und die Schweiz beschliessen, aus der Atomenergie auszusteigen.

Renaissance der Atomkraft

Spätestens mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine ändert sich die Tonlage. Manche hinterfragen den Ausstieg aus der Kernenergie angesichts der hohen Energiepreise. Andere vertreten den Standpunkt, dass die Klimaziele nur mit Atomkraft erreicht werden können.

Im Januar nimmt Japan das weltgrösste Atomkraftwerk in Betrieb. Am 11. März – exakt 15 Jahre nach Fukushima – will der Ständerat den Bau von AKW wieder erlauben. Am gleichen Tag bezeichnet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abkehr von der Atomkraft als «strategischen Fehler».

Reue in Brüssel – deutscher Ausstieg «irreversibel»

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereut die Reduzierung von Atomenergie im europäischen Strommix: «Ich glaube, es war ein strategischer Fehler für Europa, einer zuverlässigen, erschwinglichen und emissionsarmen Energiequelle den Rücken zu kehren», sagte Ursula von der Leyen bei einer Kernenergiekonferenz in Paris.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte in Berlin, er teile die Einschätzung der Kommissionspräsidentin. Am Atomausstieg will er aber nicht rütteln: «Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so.»

Auch Energieminister Albert Rösti verwies am Gipfel in Paris auf die Bedeutung der Versorgungssicherheit. «Vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung und der steigenden Stromnachfrage ist die Kernenergie ein wichtiger Pfeiler für kohlenstoffarme Energiesysteme.»

Um Europa unabhängiger von importierten fossilen Brennstoffen zu machen, will die EU die Entwicklung kleiner Atomreaktoren fördern – sogenannter Small Modular Reactors (SMR). Von der Leyen kündigte dazu eine Garantie der EU in Höhe von 200 Millionen Euro an, um Investitionen anzukurbeln.

Annalisa Manera ist Professorin für Reaktorsicherheit an der ETH Zürich. Sie überrascht die Ankündigung nicht. «Die Strompreise in Europa sind mehr als doppelt so hoch wie in den USA.» Dazu führten der Krieg in der Ukraine und nun auch im Iran vor Augen, wie gross die geopolitische Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen sei.

Am Ende wird es einen Mix von grossen und kleineren Kernkraftwerken brauchen.
Autor: Annalisa Manera ETH-Professorin für Reaktorsicherheit und Mehrphasenströmungen

Der Vorteil der SMR gegenüber herkömmlichen AKW: Sie können in Fabriken seriell vorgefertigt und am Standort zusammengebaut werden. Zudem sind die Investitionskosten geringer und die Bauzeiten kürzer.

Auf diese Effizienzvorteile macht auch Ingenieurwissenschaftlerin Manera aufmerksam. «Am Ende wird es aber einen Mix von grossen und kleineren Kernkraftwerken brauchen.»

Wie steht es um die Sicherheit?

Die SMR der neusten Generation hätten ein sehr hohes Sicherheitsniveau, erklärt Manera weiter. Die modularen Reaktoren wie auch neue Gross-AKW würden über zusätzliche Sicherheitssysteme verfügen: «Diese sind passiv. Sie brauchen keinen menschlichen Eingriff und keinen Strom, um zu funktionieren.» Das führe dazu, dass die Sicherheit viel höher sei.

Wie sich die Technologie in der Praxis bewährt, muss sich laut Manera aber noch weisen. In Betrieb sind derzeit erst zwei SMR – in Russland und China. Auch in Kanada und den USA laufen Vorbereitungen für den Bau kleiner Atomreaktoren.

Blick auf Baustelle mit grossem zylindrischem Bauwerk.
Legende: China ist führend bei der Entwicklung und dem Einsatz von SMRs. Chinas erster kommerzieller Land-SMR wird am Standort Changjiang gebaut und soll 2026 den Betrieb aufnehmen. IMAGO/VCG

Ein häufiges Argument gegen neue Atomkraftwerke ist, dass diese zu teuer seien und die Planung und Bau zu lange dauern würden. Dadurch könne Kernenergie wirtschaftlich nicht mit erneuerbaren Energien konkurrieren, so die kritischen Stimmen.

Die Frage der Wirtschaftlichkeit

ETH-Professorin Manera relativiert. Sie verweist auf grosse Kernkraftwerke, wie sie jüngst in Finnland und Frankreich in Betrieb genommen wurden. «Um die gleiche Strommenge wie ein solcher Reaktor zu erzeugen, braucht man mehr als 1300 grosse Windanlagen oder 1100 freiflächige Solaranlagen.»  

Maneras Fazit: Kernenergie könne natürlich wirtschaftlich betrieben werden – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. «Kernenergie ist noch heute die grösste Stromquelle in der EU. Wenn der politische Wille da ist, ist es möglich, dass dieser Anteil in Zukunft noch wächst.»

Wirtschaftsredaktor: «Kontrast zwischen Optimismus und Realität»

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Klaus Ammann, Wirtschaftsredaktor von SRF:

«Es gibt einen Kontrast zwischen dem Optimismus aus Teilen der Politik und Wirtschaft und der technischen Realität. Die Hoffnungen stützen sich vor allem auf die neuartigen kleinen Reaktoren, die in Serie gefertigt und modular zusammengesetzt werden könnten, sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Davon gibt es derzeit weltweit zwei – einen in Russland, einen in China. Die EU will SMR in den frühen 2030er Jahren in Betrieb nehmen. Projekte in den USA mussten aber jüngst Rückschläge hinnehmen.

Ein zweiter Hoffnungsträger sind grosse AKW der sogenannt vierten Generation. Von ihnen verspricht man sich insbesondere, dass der Abfall, den sie produzieren, kurzlebiger ist als heute. Laut Optimisten funktionieren solche Kraftwerke frühestens Mitte der 2030er Jahre. In der Schweiz dauern solche Prozesse gewöhnlich noch länger.»

SRF 4 News, 13.3.2026, 7:40 Uhr ; 

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