Als Bundesrätin der damaligen CVP orchestrierte Doris Leuthard vor vielen Jahren den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. Nun wurde dieser Entscheid umgestossen, unter kräftiger Mithilfe von Leuthards Kollegen der heutigen Mitte-Partei.
Die Mehrheit des Ständerats will zwar von der entsprechenden «Blackout-Initiative», die das Neubauverbot für Atomkraftwerke kippen will, nichts wissen.
Aber den Gegenvorschlag des Bundesrates bevorzugt die Mehrheit im Ständerat. Er verfolgt dasselbe Ziel: Die Tür zur Atomkraft etwas aufzustossen.
Mitte-Ständerat Peter Hegglin besitzt zwar zwei Solaranlagen, dennoch sieht er Grenzen beim Ausbau der erneuerbaren Energien: «Ich bin dagegen unsere Landschaft flächendeckend mit Windrädern oder hochalpinen Fotovoltaikanlagen zu überbauen.»
Sein Partei- und Ratskollege Daniel Fässler fürchtet zudem: «Der Zubau im Bereich der erneuerbaren Energien erfolgt zu langsam und hält nur knapp mit der Entwicklung beim Stromverbrauch Schritt.»
Das «teuerste und grösste Risiko» für die Schweiz
Deshalb will eine Mehrheit von Mitte, SVP und FDP das Kernenergiegesetz ändern und das Neubauverbot darin streichen. Vor allem aus einem Grund: Eine Strommangellage langfristig verhindern, warnte FDP-Ständerat Thierry Burkart: «Es handelt sich um eines, wenn nicht sogar um mit Abstand das teuerste und grösste Risiko für unser Land.»
Flammende Reden über die Vorzüge der Kernkraft prägten die Diskussion im Ständerat. Auch Bundesrat Albert Rösti griff zu eindringlichen Worten. Für ihn ist die Kernkraft eine Option um die Souveränität und Unabhängigkeit der Schweiz beim Strom zu sichern.
«Genügend Energie haben, ja oder nein, ist die Voraussetzung einer prosperierenden Wirtschaft. Wenn wir diese Sicherheit nicht geben können, werden wir in Zukunft den Wohlstand unseres Landes aufs Spiel setzen.»
Er stehe aber hinter der Energiewende und arbeite mit Vollgas an der Umsetzung, sagte Rösti an die Adresse der atomkritischen Ratsmitglieder. Und er beruhigte, dass heute nicht der Bau neuer AKW beschlossen werde, weil es dafür weder Geld noch Projekte gebe.
Kritische Stimmen der Ratslinken
Mehrere Ratsmitglieder von Mitte-Links-Parteien versuchten vergeblich, dagegenzuhalten. Mit Hinweisen auf die Nuklearkatastrophe in Fukushima genau heute vor 15 Jahren. Für Maya Graf von den Grünen ist die Diskussion um neue AKW unsinnig und unnötig. Man verliere das Vertrauen der Bevölkerung: «Wir wollen mehr Zubau zu erneuerbarer Energie, wir wollen die Energiewende und wir wollen keine neuen Atomkraftwerke bauen.» Nach wie vor sei die sichere Entsorgung von Atomabfällen ungelöst, die Risiken immer noch vorhanden.
Die Grüne Partei hat denn auch bereits das Referendum angekündigt, falls das Parlament den Weg für neue AKW freimacht. Auch Brigitte Häberli-Koller aus der Mitte-Fraktion war skeptisch. Sie will am Neubauverbot für AKW festhalten und befürchtet, dass sonst die Energiewende nicht gelingt: «Das Risiko ist nämlich sehr hoch, dass wir damit die Energiewende schädigen und die Versorgungssicherheit schwächen.»
Doch die kritischen Stimmen wurden nicht erhört. Der Ständerat hat sich deutlich für die Option auf neue AKW entschieden. Als Nächstes befasst sich der Nationalrat mit der Vorlage.