Fällt das Schweizer Neubauverbot für AKW? Auch in anderen Ländern läuft die Debatte heiss. Unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten berichten.
Japan: Doppelte Kehrtwende bei Atomkraftwerken
Die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 führte in Japan zu einer politischen Wende. Die damals 54 Reaktoren wurden schrittweise vom Netz genommen. Statt die Kernenergie auszubauen, wollte Japan seine Abhängigkeit von ihr möglichst reduzieren. Die Stromproduktion mit Kohle, Öl und Gas wurde hochgefahren. Gleichzeitig investierte Japan Milliarden in die Sicherheit der stillgelegten Atomreaktoren und nahm einzelne wieder in Betrieb. Dieser Prozess beschleunigte sich mit dem Krieg in der Ukraine und den dadurch stark gestiegenen Preisen für Öl und Gas.
Trotz Kritik verfolgt die Regierung inzwischen einen neuen Kurs. Statt die «Abhängigkeit von der Kernkraft zu reduzieren», setzt sie nun auf eine «maximale Nutzung der bestehenden Anlagen». Dass Japan die Inbetriebnahme des grössten Atomkraftwerks der Welt vorantreibt, ist Ausdruck dieses politischen Kurswechsels. Unterstrichen wurde dieser eben durch das Wirtschaftsministerium: Es schlägt den Bau von 11 bis 14 neuen Kernkraftwerken vor.
Frankreich: Atomkraft als Rückgrat der Stromversorgung
Frankreich gehört mit 57 Reaktoren weltweit zu den grössten Atomstromproduzenten. Den grossen Schub erhielt die Kernenergie durch die Ölkrise der 1970er Jahre. Mit dem «Plan Messmer» wurde ein umfangreiches Kernkraftprogramm lanciert, um bei der Stromversorgung unabhängiger zu werden. Auch wenn die Reaktor-Katastrophe von Fukushima grosse Debatten über die Sicherheit von Atomkraftwerken auslöste, hielt Frankreich weiterhin grundsätzlich an der Kernenergie fest.
Heute stammen rund zwei Drittel der französischen Elektrizitätsversorgung aus Atomkraft. Die Kernenergie ist damit faktisch das Rückgrat der französischen Stromversorgung und soll es nach dem Willen der Regierung auch bleiben. Denn Kernenergie gilt als Teil der nationalen Souveränität und als zentraler Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050.
Die kürzlich präsentierte Energiestrategie sieht den Bau neuer Atomkraftwerke vor oder die Verlängerung der Laufzeit von bestehenden Reaktoren, was ein zusätzliches Mass an Sicherheit erfordern dürfte. Trotz dieses Bekenntnisses zur Kernenergie sollen auch die erneuerbaren Energien einen wachsenden Anteil am Strommix haben. Nur soll der Ausbau langsamer als bisher geplant erfolgen.
Deutschland: Der Kater nach der Energiekrise
Seit dem 15. April 2023 produziert Deutschland keinen Atomstrom mehr und plant auch keinen Wiedereinstieg. Nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 hatte die damalige Regierung von Angela Merkel ein Atom-Moratorium verhängt und in der Folge den schrittweisen Ausstieg in ein Gesetz gegossen. Eine Entscheidung, die von einer grossen Mehrheit in Politik und Gesellschaft getragen wurde. Die Stimmung hat nach dem russischen Angriffskrieg und der damit verbundenen Energiekrise allerdings gedreht.
Die Reaktoren befinden sich alle im Rückbau, der Bau neuer AKW würde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern und Milliarden kosten. Dazu steigert Deutschland die Produktion an Wind- und Sonnenenergie stetig. In der Regel kommt heute bereits mehr als die Hälfte des täglich produzierten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Dennoch flammt die Debatte immer wieder auf. Vielen geht der Ausbau der Erneuerbaren, von Netzen und Speichern nicht schnell genug.
Strahlender Norden: Finnland und Schweden auf Atomkraft-Kurs
Seit Jahren schon zieht es Energiefachleute aus der ganzen Welt in den hohen Norden Europas. Genauer gesagt nach Finnland. Dort ist in Olkiluoto vor zwei Jahren das erste neue Atomkraft in der EU seit langem den Betrieb aufgenommen. Am gleichen Ort wird in Kürze zudem das erste Endlager für hochradioaktive Atomabfälle in Betrieb genommen. In Finnland ist der AKW-positive-Kurs breit abgestützt: bis ins Lager der grünen Partei hinein wird dieser mitgetragen.
Die bürgerliche schwedische Regierung ist seit 2022 auch ganz klar auf Atomkraftkurs. Sie hat gesetzliche Hürden, die seit einer Volksabstimmung 1980 über den AKW-Ausstieg in Kraft waren, aus dem Weg geräumt. Doch im Unterschied zu Finnland fehlt im grössten nordischen Land ein Konsens in der Energiepolitik: Nach den Wahlen im September, bei der der rot-grünen Opposition ein Sieg vorausgesagt wird, dürfte der eingeschlagene AKW-positive-Kurs deshalb wieder in Frage gestellt werden.
Italien: Zurück in die Zukunft – mit Atomkraft
Italiens geplante Rückkehr zur Atomkraft hat hauptsächlich einen Grund: die hohen Energiekosten. Strom wird in Italien zu einem grossen Teil aus Gas gewonnen. Steigt der Gaspreis wegen der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, so steigt auch der Strompreis. In keinem grossen EU-Land ist Strom so teuer wie in Italien. Darum wollen viele zurück zur Atomkraft.
Regierung und Parlament wollen nun wieder auf Atomkraft setzen. Es sollen sogenannte Mini-AKW sein. Doch einfach ist der Weg dorthin nicht: Es gibt eingefleischte AKW-Gegner, die Frage des Atommülls ist ungelöst und die Entwicklung solcher Reaktoren noch im Fluss. Während die Opposition auf die negativen Volksentscheide und den Ausbau von Solar- oder Windkraft pocht. Doch im Touristenland Italien ist der Protest etwa gegen Windräder programmiert. So könnte es sein, dass Italien bis in zehn Jahren wieder Atomstrom produziert.