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Individualbesteuerung «Es gibt einen deutlichen Stadt-Land-Graben»

Bald wird jede erwachsene Person in der Schweiz separat besteuert, egal, ob sie verheiratet ist oder nicht. Ja sagten vor allem Städte und städtische Kantone. Das progressive Lager habe die Abstimmung entschieden, sagt die Politikwissenschaftlerin Sarah Bütikofer.

Sarah Bütikofer

Politologin

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Sarah Bütikofer ist promovierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Schweizer Politik, zum Thema «Frauen und Politik» hat sie mehrere Beiträge veröffentlicht.

SRF News: Ging es bei der Individualbesteuerung vor allem um Familienpolitik oder eher um Steuerpolitik?

Sarah Bütikofer: Es ging um beides. Aber das Resultat deutet darauf hin, dass es für viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vor allem eine gesellschaftspolitische Vorlage war, sie also mit Gleichstellung zu tun hatte. Schliesslich wurde die Vorlage ja von einer breiten Allianz von liberalen, progressiven und linken Kräften getragen.

Wie zeigt sich das, wenn man das Ergebnis analysiert?

Es gibt einen deutlichen Stadt-Land-Graben, wenn man die Resultate auf Gemeindeebene anschaut. In den Städten, wo mehr linke Wählerinnen und Wähler leben, lag die Zustimmung fast überall sehr hoch – bei zwei Dritteln oder noch höher. Auch in der Romandie sagte man fast überall Ja zur Individualbesteuerung.

Individualbesteuerung

Eidg. Vorlage: Bundesgesetz über die Individualbesteuerung

  • JA

    54.3%

    1'662'017 Stimmen

  • NEIN

    45.7%

    1'401'166 Stimmen

Trotzdem hat auch die Steuerpolitik eine Rolle gespielt, sagen Sie. Hatten die Leute bei ihrem Abstimmungsentscheid also auch das eigene Konto im Blick?

Ja, das ist ja meistens der Fall. Viele haben wohl ihre persönliche Situation durchgerechnet und sind zum Schluss gekommen, dass sich für sie nur wenig ändert oder falls doch, eher zum Positiven. Es mussten ja schon bisher sehr viele Personen eine eigene Steuererklärung ausfüllen – Ledige, Geschiedene oder Verwitwete. Für sie ändert sich, was das Ausfüllen der Steuererklärung angeht, nichts.

Die Vorlage war eine Botschaft an die Frauen, dass ihre Erwerbsarbeit ihre eigene Angelegenheit ist.

Im Abstimmungskampf wurde auch argumentiert, die individuelle Besteuerung mache es attraktiver für verheiratete Frauen, mehr zu arbeiten. Womöglich könne dies helfen gegen den Fachkräftemangel. Werden jetzt also viele Frauen ihr Arbeitspensum erhöhen?

Ob sich diese Annahme als richtig erweist, wird die Zukunft zeigen. Die Individualbesteuerung war vor allem eine Botschaft an die Frauen, dass ihre Erwerbsarbeit ihre eigene Angelegenheit ist, dass sie sich lohnen soll – und das ihr Leben lang. Bisher hat bei vielen verheirateten Paaren der gesparte Steuerfranken einen Preis: Ihn bezahlen vor allem die Frauen mit tieferen Löhnen, mit weniger beruflichen Aufstiegschancen wegen dem tieferen Arbeitspensum. Das wiederum hat eine schlechtere Altersvorsorge zur Folge. Und damit ein höheres Risiko für Altersarmut.

Dieses Abstimmungsergebnis am Internationalen Tag der Frau hat auch eine grosse symbolische Wirkung.

Die Mitte-Partei will die Heiratsstrafe mit einer eigenen Volksinitiative abschaffen, aber nicht durch eine individuelle Besteuerung der Ehepaare. Könnte das Stimmvolk den Entscheid vom Sonntag also wieder kippen?

Das wird man sehen. Die Vorlage der Mitte ist hängig und noch nicht durchgesprochen. Die Gegner der Mitte-Initiative argumentieren, die Partei wolle zwar die Ehepaare nicht mehr bestrafen, gleichzeitig aber andere Modelle des Zusammenlebens schlechterstellen. Aber das wäre einfach eine Umkehrung von Ungleichbehandlung. Klar ist: Der Abstimmungssieg vom Sonntag ist ein grosser Sieg für das progressive politische Lager. Und er zeigt, dass die Frauen als politische Kraft in der Schweiz wichtiger werden. Dieser Punkt geht in den Parlamentsdebatten manchmal etwas unter, zeigt sich aber umso deutlicher an der Urne. Und: Am Sonntag war ja der Internationale Tag der Frau – und so hat das Abstimmungsergebnis auch eine grosse symbolische Wirkung.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

Abstimmungsdossier

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SRF 4 News aktuell, 9.3.2026, 6:40 Uhr ; 

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