Das Unglück von Crans-Montana hat einen Grosseinsatz der Rettungskräfte ausgelöst. Sind die Schweizer Spitäler gewappnet, um eine so grosse Zahl Schwerverletzter zu versorgen? Mathias Zürcher, leitender Arzt am Schweizerischen Zentrum für Rettungs-, Notfall- und Katastrophenmedizin in Basel, sagt, wo wir stehen.
SRF News: Was ist bei einem solchen Unglück die grosse Herausforderung?
Mathias Zürcher: Für die Einsatzkräfte vor Ort ist es initial eine riesige Herausforderung, die Übersicht zu gewinnen. Wenn das allmählich gelingt, versuchen sie, die Verletzten vor Ort zu stabilisieren und möglichst bald an geeignete Zielspitäler weiterzuleiten. Diese Koordination ist dynamisch. Sie wissen zum Zeitpunkt X noch nicht, was einige Minuten später auf sie zukommt. Und sie müssen fortlaufend entscheiden, welcher Patient wo hingehört.
Viele der Verletzten von Crans-Montana haben schwere Brandwunden.
Die initiale Notfallversorgung bleibt im Wesentlichen sehr ähnlich. Die Herausforderung bei den schwerbrandverletzten Patienten ist, dass wir sie in geeignete Zentren bringen, in denen sie später definitiv behandelt und längerfristig versorgt werden können.
Schwerbrandverletzte Patienten sollten idealerweise innerhalb von 24 Stunden einen Platz für die Definitivversorung erreichen.
Nur Zürich und Lausanne haben Zentren spezifisch für Brandverletzungen. Sind diese vollkommen überlastet?
Sie sind sicher sehr ausgelastet. Sie haben allerdings auch Konzepte, wie sie mit dem Anfall von zahlreichen Patienten umgehen.
Wie entscheidend ist es, dass die Patienten rasch auf eine spezialisierte Abteilung kommen?
Grundsätzlich ist es wichtig, dass schwerverletze Patienten möglichst zeitnah in die Kliniken ihrer Definitivversorgung kommen. Bezüglich Verbrennungskrankheit ist es so, dass wir etwas Zeit haben. Man geht davon aus, dass schwerbrandverletzte Patienten idealerweise innerhalb von 24 Stunden einen Platz für die Definitivversorgung erreichen.
Ist in Ihren Augen die Kapazität, die man in der Schweiz hat, um so viele Brandverletzte zu behandeln, genügend?
Ich kenne die exakten Zahlen nicht. Insbesondere weiss ich auch nicht, wie der Schweregrad der Verbrennungen der Patienten ist. Ich gehe allerdings davon aus – wenn es stimmt, dass es zahlreiche Schwerverbrannte sind –, dass die Kapazität in der Schweiz möglichweise nicht genügt und dass darum die Unterstützung aus dem nahen Ausland in Anspruch genommen werden muss.
Was braucht die Schweiz, um besser auf solche Katastrophen vorbereitet zu sein?
Was uns viel helfen würde, wäre ein gutes elektronische System, das den Notrufeinsatzzentralen bei so einem Ereignis Übersicht über die vorhandenen Bettenkapazitäten verschaffen würde. Damit man rasch weiss, wo welche Ressourcen vorhanden sind, so dass man auch die Rettungsmittel im Griff hat und weiss, wo man Nachschub und Unterstützung holen kann.
Die Ökonomisierung im Gesundheitswesen, hat dazu geführt, dass wir möglichst wenig Überkapazitäten haben.
Es braucht weiter mehr Übung solcher Ereignisse. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass wir mehr Trainingsmöglichkeiten haben und dass wir ein solches Ereignis auch gut aufarbeiten, um zu sehen, was funktionierte und was von den vorhandenen Konzepten verbesserungswürdig ist.
Es besteht also weniger ein Problem der mangelnden Kapazitäten als ein Problem der zu wenig guten Koordination?
Die Ökonomisierung im Gesundheitswesen hat dazu geführt, dass wir möglichst wenig Überkapazitäten haben. Ich denke auch nicht, dass wir, nur weil solche Ereignisse vorkommen können, dies grundsätzlich ändern müssen. Was verbessert werden muss, ist die Koordination, die Kooperation und das Training solcher Ereignisse.
Das Gespräch führte Roman Fillinger.