Im Quartier Rive in der edlen Genfer Innenstadt verbarrikadieren Ladenbesitzer gerade ihre Geschäfte. Schreiner zersägen Holzbretter und nageln sie vor den Schaufenstern zu riesigen Wänden zusammen.
Auch ein Spielzeugladen an der Rue d'Enfer, zu Deutsch Höllenstrasse, wird gerade mit Holzplatten gesichert. Mit gutem Grund. In der Höllenstrasse entluden Gegnerinnen und Gegner des G8-Gipfels in Evian-les-Bains am 1. Juni 2003 ihren ganzen Frust gegen die Polizei und verwüsteten dabei auch reihum Geschäftshäuser.
Ueli Leuenberger, alt Nationalrat und Präsident der Grünen Schweiz, war 2003 an genau diesem Ort, damals in seiner Rolle als Genfer Kantonsrat. Leuenberger sagt, die Situation im Quartier Rive eskalierte, als Leute nach der offiziellen G8-Kundgebung bis an die Grenze zu Frankreich in die Innenstadt zurückkehrten.
Alles sei friedlich verlaufen. Doch dann hätten Aktivisten auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum eine Tankstelle in Brand gesetzt. Das habe die Polizei extrem nervös gemacht.
Polizisten hätten dann versucht, die Menge vom Einkaufsboulevard durch die Höllenstrasse in eine Nebenstrasse abzudrängen. Daraufhin begannen Aktivistinnen und Aktivisten, die Polizei mit Steinen zu attackieren und Geschäfte zu verwüsten.
Zu wenig Polizisten
Schon in der Nacht zuvor war es in der Innenstadt zu massiven Zerstörungen, Brandanschlägen und Plünderungen gekommen. Die Polizei sei in den Nachtstunden personell völlig unterbesetzt und entsprechend überfordert gewesen.
Die Schäden kosteten die Stadt, den Kanton, Geschäftsbesitzer und Versicherungen Millionen. Die Genferinnen und Genfer waren wütend, dass gerade in ihrer Stadt, der Stadt der Menschenrechte und des Völkerrechts, ein friedlicher Widerstand gegen den Gipfel nicht möglich war.
Der Kantonsrat setzte eine externe Untersuchungskommission ein, die die Vorkommnisse untersuchte. Die Kommission stellte fest, die Polizei habe «ihre Aufgabe nicht erfüllt». «Glaubwürdige Hinweise» auf gewalttätige Ausschreitungen seien ignoriert worden. Die für die Sicherheit zuständige Regierungsrätin Micheline Spoerri (FDP) wurde später abgewählt.
Heute, vor Beginn des G7-Gipfels in Evian-les-Bains, befürchtet man in Genf eine Wiederholung der damaligen Ereignisse. Wieder hat der Kanton am Sonntag eine Kundgebung bewilligt, diesmal aber abseits der Innenstadt zwischen Bahnhof und Uno-Viertel.
Arnaud Bürgin vom Genfer Unternehmerverband ist trotzdem beunruhigt. Die Genfer Wirtschaft sei «eine Geisel des G7-Gipfels», sagt er, und die Kundgebung «ein grosses Sicherheitsrisiko». Man habe heute den Eindruck, dasselbe wieder zu erleben wie am 1. Juni 2003. Er hoffe, dass er sich irre.
Die Angst vor Repression
Ein Aktivist, der die Gipfelproteste 2003 erlebt hat und den diesjährigen Protest mitorganisiert, ist Juan Tortosa. Er glaubt nicht, dass sich die Dinge nun genau so wiederholen. 2003 seien Gipfelgegner aus ganz Europa nach Genf gekommen.
Heute sei die Situation eine andere. Er weiss: «Kritikerinnen und Kritiker haben Angst vor Repression.» Die Grenzen nach Frankreich seien grösstenteils geschlossen. Tausende Polizistinnen und Polizisten seien in Genf. Und auch die Armee sei präsent.
Zudem sei der Widerstand gegen Gipfel der Supermächte heute generell weniger gross als noch 2003.