Es schneit und stürmt, somit steigt in einigen Gebieten die Lawinengefahr: Im Wallis gilt etwa die zweithöchste Gefahrenstufe 4. Trotz solcher Warnungen werden in der Schweiz im Schnitt jedes Jahr über 200 Menschen von Lawinen erfasst. 2026 sind bereits 13 Menschen gestorben. Welchen Reiz sucht der Mensch abseits der gesicherten Pisten? Das wollten wir von Bergführer und -retter Klaus Tscherrig wissen. Er weiss, wovon er spricht: Er ist während des Gesprächs selbst abseits der Piste unterwegs.
SRF News: Warum verlassen Menschen trotz Lawinengefahr die Piste?
Tscherrig: Die Menschen suchen Freiheit. Sie wollen nicht irgendwo in der Masse oder auf der Piste mit sehr vielen anderen Leuten sein. Sie suchen die Freiheit, und wenn es schönen Neuschnee gegeben hat, sind sie heiss drauf, die erste Spur zu ziehen.
Viele können es nicht abschätzen.
Was sagen Gerettete im Nachhinein? Haben sie die Gefahr falsch eingeschätzt oder sind sie das Risiko auch bewusst eingegangen?
Zum Teil geht man wahrscheinlich ein gewisses Risiko bewusst ein. Aber viele können es nicht abschätzen: Wie viel Risiko darf man eingehen und wo sind die Grenzen? Das ist ein Problem.
Machen Sie auch Touren abseits der Piste und wenn ja, wie bereiten Sie sich vor?
Ich bin gerade mit zwei Gästen am Variantenskifahren. Die Planung fängt natürlich schon zu Hause an, mit dem Studium des Wetterberichts, mit der richtigen Gruppengrösse und damit, dass man mit den Leuten an die richtigen Orte geht – in Gelände, das nicht so steil ist.
Sie sind jetzt also auch abseits der Piste unterwegs?
Ja. Ich fahre auch neben der Piste, aber natürlich nur im mässig steilen Gelände. Ich meide Hänge, die steiler als 30 Grad sind. Oberhalb gehen Lawinen ab, unterhalb sollte es nicht passieren. Natürlich berücksichtige ich auch, dass wir in den letzten Tagen starken Wind hatten und es Windverfrachtungen gegeben hat. Die Hänge, in die der Schnee hineingeblasen wurde, meide ich zu 100 Prozent.
Ich habe die lokalen Kenntnisse, bin seit 35 Jahren als Bergführer unterwegs. Ich weiss, wie ich mich verhalten muss, wo man fahren kann und wo nicht. Das ist der grosse Vorteil, wenn man mit einem Bergführer unterwegs ist.
Ich habe Verschüttete aus Lawinen geholt – Tote und Lebende.
Ist Ihnen schon mal etwas passiert?
Ich bin noch nie in einer Lawine gewesen und auch keiner meiner Gäste ist verschüttet worden. Aber ich habe sehr viele Lawinenrettungsaktionen gemacht. Ich habe Verschüttete aus Lawinen geholt – Tote und Lebende.
Was für Leute retten Sie?
Generell sind es eher jüngere Leute, die haben etwa einen Lawinenkurs gemacht, sich eine Ausrüstung gekauft, einen Airbag, ein Lawinensuchgerät. Sie haben alles dran, können aber die Gefahr nicht einschätzen. Die Gefahr rückt in den Hintergrund. Sie schauen den Wetterbericht, sehen, dass schönes Wetter gemeldet ist, und dann wird gefahren. Man fährt irgendwelchen Skispuren nach, weiss aber nicht, wer sie als Erstes gelegt hat, und das sind dann die gefährlichen Situationen.
Wenn ihr ohne die ganzen Hilfsmittel einen Hang nicht fahren würdet, dann fahrt ihn auch nicht mit Sicherheitsausrüstung.
Was raten Sie den Leuten?
Es muss klar sein, dass jede Lawine verhindert werden muss. Habt nicht das Gefühl, dass euch der Airbag oder die Sicherheitsgeräte retten und ihr ausgegraben werdet. Sprich: Wenn ihr ohne die ganzen Hilfsmittel einen Hang nicht fahren würdet, dann fahrt ihn auch nicht mit Sicherheitsausrüstung.
Wie gehen Sie persönlich mit der Gefahr um?
Ich versuche, das Risiko maximal zu reduzieren. Ganz ausschliessen kann man es nie. Ich muss keinem Gast mehr beweisen, wie steil und wie super ich fahren kann. Lieber defensiv bleiben und nicht den König der Alpen spielen.
Das Gespräch führte Corina Heinzmann.