Am Samstag der feministische Frauenstreik in Lausanne, am Montag der Start zum G7-Gipfel in Evian-les-Bains: Das sorgte im Juni bei der Waadtländer Kantonspolizei für Nervosität. Die Polizei befürchtete, dass Gipfelgegner an der Kundgebung des Frauenstreiks teilnehmen und auch die Polizei attackieren.
Das Vertrauen hat gelitten
In jüngerer Vergangenheit ist es in Lausanne bei Kundgebungen zu gewaltsamen Zusammenstössen gekommen. So etwa bei Jugendprotesten vor gut einem Jahr, nachdem zwei Jugendliche bei Polizeiaktionen gestorben waren.
Die Polizei rief die Protestierenden zunächst mit einem Megafon zur Ruhe auf. Doch dann setzte sie rasch Wasserwerfer und Tränengas ein.
Das Vertrauen in die Polizei hat gelitten. Die Waadtländer Kantonspolizei ist bereit, nun neue Wege zu gehen: Sie ist daran, das Dialogkonzept der Stadtpolizei Zürich in der Waadt anzuwenden. Beim Frauenstreik in Lausanne waren darum auch Zürcher Stadtpolizisten anwesend.
Das sorgte für Aufsehen, bestätigt Domenico Ceroli, Zürcher Stadtpolizist und stellvertretender Leiter des Dialogteams: «Ab und an kam die Frage, was wir Stadtzürcher in Lausanne machen würden.»
Meist habe es zwar gedauert, bis die Leute erkannt hätten, dass sie nicht Teil der Waadtländer Polizei seien, so Ceroli weiter. «Dann waren sie aber sehr neugierig und wollten wissen, was wir genau machen.»
Man muss den Leuten bei Kundgebungen direkt erklären, dass die Polizei zu repressiven Mitteln greift, wenn die Leute dies oder das tun.
Es ging darum, das Zürcher Dialogkonzept in den Lausanner Strassen in Kontakt mit den Menschen anzuwenden. Polizist Ceroli beschreibt das so: «Wir beantworten Fragen, informieren über Massnahmen. Es geht darum, den Menschen zu erklären, warum die Polizei macht, was sie macht.»
Der Waadtländer Polizeileutnant Yvan Bovard stand beim Frauenstreik an Cerolis Seite. Er sagt, es gehe darum, zu deeskalieren. «Man muss den Leuten bei Kundgebungen direkt erklären, dass die Polizei zu repressiven Mitteln greift, wenn die Leute dies oder das tun.»
Für Bovard und seine Kolleginnen und Kollegen ist das Dialogkonzept neu. Er schätzt nicht nur das Konzept, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Zürcher Kollegen. Die Kooperation sei eine Bereicherung. Sprachprobleme habe man problemlos überwinden können. Schliesslich habe man – egal ob in Zürich oder der Waadt – nur ein Ziel: dass Kundgebungen friedlich bleiben.
Positives Feedback, positive Bilanz
Der Frauenstreik in Lausanne verlief am Ende ohne Zwischenfälle. Nun geht es für Bovard nach Zürich. Im August wird er Stadtpolizisten bei ihrem Einsatz an der Street Parade begleiten, an der traditionell auch viele Menschen aus der Romandie teilnehmen.
Der Zürcher Stadtpolizist Domenico Ceroli zieht nach dem Einsatz in Lausanne ein positives Fazit. «Die Rückmeldungen der Menschen waren durchwegs positiv.» Und auch die Polizeikooperation erlebt er als Bereicherung. «Für uns ist es sehr spannend, etwas Neues zu sehen – auch wenn solche Einsätze alltäglich sind. Einen solchen aber in der französischen Schweiz zu erleben, war schon sehr speziell.»
Durchaus denkbar ist, dass nach diesem Projekt auch andere Westschweizer Polizeicorps den Austausch und die Zusammenarbeit mit der Deutschschweiz verstärkt suchen werden.