In der Schweiz soll der Bau neuer Atomkraftwerke wieder möglich werden. Nach dem Bundesrat und dem Ständerat hat sich heute auch der Nationalrat dafür ausgesprochen. Michael Frank, Direktor des Verbands der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen, begrüsst den Entscheid.
SRF News: Das Parlament will den Bau neuer Atomkraftwerke wieder ermöglichen. Sind Sie zufrieden?
Michael Frank: Ja, das entspricht unseren Empfehlungen. Es geht darum, sich für die Zukunft alle Optionen für die Versorgungssicherheit offenzuhalten. Ob es je ein neues AKW geben wird, ist noch in weiter Ferne. Aber die Option ist wichtig.
Der Bundesrat muss bis Ende Jahr einen Bericht zur Finanzierung vorlegen. Wie finanziert man ein AKW für bis zu 13 Milliarden Franken?
Das ist hypothetisch, da wir weder Technologie, Grösse noch Standort kennen. Für eine solche Summe wären die Schweizer Pensionskassen und Kapitalgeber allein vermutlich überfordert. Man müsste Grossbanken und ausländische Investoren an Bord holen.
Fordern Sie staatliche Hilfe?
Ich halte Subventionen nicht für sinnvoll, aber eine Finanzgarantie oder eine Bürgschaft des Staates gäbe Sicherheit und würde die Kapitalkosten senken. Weltweit gibt es keine Stromproduktionstechnologie, die nicht in irgendeiner Form unterstützt wird. Es ist eine politische Entscheidung.
Braucht es überhaupt neue AKW? Bestehende wie Gösgen und Leibstadt könnten technisch noch 30 oder 40 Jahre länger laufen.
Das ist eine Möglichkeit, aber keine Garantie. Eine Verlängerung braucht jahrelange Vorlaufzeit, hohe Investitionen für Nachrüstungen und politische Sicherheit. Wir brauchen einen Plan B, falls der Langzeitbetrieb nicht funktioniert.
Eine Stromlücke würde die Wirtschaft bis zu einer Milliarde pro Tag kosten.
Studien zeigen, dass AKW-Bauten extrem risikoreich sind, mit durchschnittlichen Kostenüberschreitungen von 117 Prozent. Können wir uns das leisten?
Die Hauptgründe für diese Überschreitungen sind oft politisch, wenn während des Baus die Strategie oder die technologischen Anforderungen geändert werden. Wenn man ein Projekt wie geplant durchzieht, sieht es anders aus. Man muss die Kosten aber den Alternativen gegenüberstellen: Eine Stromlücke würde die Wirtschaft bis zu einer Milliarde pro Tag kosten.
Wenn Ihnen die Versorgungssicherheit so wichtig ist, warum verkauft die Schweiz dann im Winter Strom aus Wasserkraft gewinnbringend ins Ausland?
Man kann die Ökonomie nicht ausblenden, sonst werden keine Investitionen getätigt. Zudem importieren wir auch Strom, um Wasser in die Speicherseen zurückzupumpen. Unser System funktioniert nur im europäischen Verbund. Ein reines Inselsystem könnten wir uns nicht leisten.
Die Diskussion um die Atomkraft haben wir nur, weil wir bei den Erneuerbaren nicht auf Zielkurs sind, um die Winterstromlücke zu schliessen.
Konkurrenzieren neue AKW nicht den Ausbau der erneuerbaren Energien?
Nein. Die Diskussion um die Atomkraft haben wir nur, weil wir bei den Erneuerbaren nicht auf Zielkurs sind, um die Winterstromlücke zu schliessen. Wenn der Ausbau der Erneuerbaren massiv vorankommt, sinkt die Wahrscheinlichkeit für ein neues AKW. Das wäre eine gute Entwicklung.
Das Gespräch führte David Karasek.