Nach einer langen und teils emotionalen Debatte hat der Nationalrat entschieden, dass er zwar eigentlich darüber diskutieren will, ob in der Schweiz wieder Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Vor einem Entscheid müsse der Bundesrat aber genauer anschauen, wie ein neues Kernkraftwerk überhaupt finanziert werden könne und welche Risiken diese Finanzierung mit sich bringe. Diesen Fragen geht Alexander Budzier, Ökonom an der Saïd Business School der Universität Oxford nach.
SRF News: Aktuell geht man in der Schweiz davon aus, dass ein neues Kernkraftwerk zwischen 10 und 13 Milliarden Franken kosten würde. Wie verlässlich sind solche Zahlen überhaupt?
Alexander Budzier: Um die Frage zu beantworten, haben wir Daten zu zwei Dritteln aller jemals gebauten AKWs angeschaut. Und da stellen wir fest, dass sich die Kosten von dem Punkt, an dem ein Projekt grünes Licht erhält, bis zur Fertigstellung im Durchschnitt mehr als verdoppeln und sich die Bauzeit um 65 Prozent verlängert.
Wo entstehen denn diese Mehrkosten konkret?
Nun, bei vielen Projekten ist man anfangs davon ausgegangen, dass die Kosten niedriger würden, weil bekannte Reaktortypen mit bekannten Standards verbaut wurden. Tatsächlich wurden dann allerdings fast immer bedeutende Änderungen vorgenommen, die Kosten verursachten. Gleichzeitig ist der Erfahrungsverlust ein grosses Risiko: In der Schweiz zum Beispiel, sind die Erfahrungsträger, die an den hiesigen Kernkraftwerken mitgebaut haben, bereits in Rente. Das heisst: Es fehlen Erfahrungswerte, auch in den Zulieferketten.
Wie unterscheiden sich AKW-Projekte, was die Unvorhersehbarkeit von Risiken betrifft, von anderen grossen Projekten?
Grob kann man sagen: Atomkraftwerke sind super risikoreich mit grossen Kostenüberschreitungen und langen Verzögerungen im Bau. Die Kosten werden im Schnitt um 117 Prozent überschritten, die Bauzeit um 65 Prozent überzogen. Auch risikoreich, allerdings nicht ganz so schlimm, sind komplexe Bauvorhaben wie zum Beispiel Museen, Spitäler oder auch Staudämme. Da werden die Kosten um knapp 50 Prozent überschritten. Bei Transportinfrastruktur sind es ungefähr 30 Prozent.
Wenn der Staat zumindest einen Teil der Risiken übernimmt, können die Finanzierungskosten auf ein vertretbares Mass gesenkt werden.
Wie zentral ist die Unterstützung durch den Staat? Es gibt in den USA bekanntlich privat finanzierte Projekte.
Das stimmt. Allerdings stehen dort die reichsten Unternehmen der Welt wie Microsoft oder Amazon dahinter. Die haben das entsprechende Kapital in der Hinterhand. Anders sieht das aus bei Projekten im Vereinigten Königreich und in Frankreich. Weil die Erbauerin, die französische EDF, die Kraftwerke nicht selbst finanzieren kann, muss sie Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Dieser aber preist die hohen Risiken ein, was bis zu einer Verdoppelung der Stromkosten für den Endverbraucher führen kann. Wenn der Staat zumindest einen Teil der Risiken übernimmt, können die Finanzierungskosten auf ein vertretbares Mass gesenkt werden.
Wie wichtig ist es, dass man sich jetzt schon – bevor man erst darüber entscheidet, ob die Option überhaupt wieder gesetzlich zugelassen sein soll – mit der Finanzierung auseinandersetzt?
Da stellt sich natürlich die Frage: Hat die Schweiz das Geld – und wenn ja, sollte sie es lieber woanders investieren? Kommt dazu, dass jetzt eine Entscheidung getroffen wird, die künftige Generationen viel kosten kann. Was klar ist: Wenn die Politik zum Schluss kommt, dass ein AKW heute nicht finanziert werden kann, dann wird es wohl in Zukunft auch nicht finanziert werden können. Denn günstiger werden Kernkraftwerke in der Regel nicht.
Das Gespräch führte Klaus Ammann.