«Die Polizei hat mich mitgenommen. Ich bin inhaftiert. Sie sagen, ich muss ins Gefängnis.» Scheinbar aufgelöst ruft «Sarah» ihre Mutter an. Dieser nachgestellte Schockanruf geht unter die Haut.
Das Opfer steht sofort unter Schock. Angst übernimmt die Kontrolle. Sie ist nicht mehr in der Lage zu realisieren, dass ihre echte Tochter eigentlich eine andere Stimme hat.
Opfer werden massiv unter Druck gesetzt
Dann der vermeintliche Ausweg: Ein Betrüger, der sich als «Wachtmeister» ausgibt, meldet sich. Der Richter habe bereits zugestimmt, Sarah gegen eine Kaution von 80'000 Franken wieder auf freien Fuss zu setzen. «Was haben Sie denn? Bargeld, Gold, Schmuck?»
Besonders perfide: Die Betrüger lassen ihr keine Zeit zum Überlegen. «Sofort, jetzt, es zählt jede Minute, sonst müssen wir Ihre Tochter unverzüglich einsperren.» Weiter bläuen sie dem Opfer ein, dass sie mit niemandem darüber reden darf.
Wenn wir Angst haben, sind wir zu vielen Sachen bereit.
Stopp! Unterbrechung der nachgestellten Szene – Marco Liechti betritt die Bühne. Er leitet bei der Basler Polizei die Abteilung Kriminalprävention und sagt: «Wenn wir Angst haben, sind wir zu ganz vielen Sachen bereit.» Im Publikum des Basler «Kulturhuus Häbse» sitzen rund 300 ältere Menschen und nicken. Der Anlass wurde in Zusammenarbeit mit der Basler Polizei organisiert.
In der Schweiz gibt es pro Jahr mehr als eine Million Versuche dieser Betrugsmasche. Auch wenn es keine genauen Zahlen gibt, geht die Polizei von einer positiven Entwicklung aus. Es fallen weniger Menschen darauf herein als noch vor ein paar Jahren. Wenn jemand jedoch Opfer wird, ist schnell viel Geld weg.
Das sind nicht dumme Menschen. Im Gegenteil, sie werden grossem Druck ausgesetzt und handeln aus Angst.
Beim Präventionstheater werden drei verschiedene Fälle vorgespielt. Dabei handelt es sich um echte Geschichten, die sich so zugetragen haben. Polizist Marco Liechti betont, dass niemand davor gefeit ist: «Das sind nicht dumme Menschen. Im Gegenteil, sie werden grossem Druck ausgesetzt und handeln aus Angst.»
Theater löst Betroffenheit aus – hat aber begrenzte Reichweite
Das «Mit-Erleben» soll beim Präventionstheater im Zentrum stehen. Dadurch unterscheide sich das Projekt auch von anderen Kampagnen, wie von Plakaten oder Vorträgen. «Es kann eine Betroffenheit und im besten Fall auch Verhaltensveränderungen bei den Besucherinnen und Besuchern auslösen», sagt Fabian Ilg, Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention.
Der Nachteil liege in der geringen Reichweite. Ein ähnliches Projekt gibt es in Berlin. Auch dort komme das gut an, die Vorstellungen seien häufig schnell ausgebucht.
Happy End dank aufmerksamer Bankberaterin
Unterdessen ist das Opfer auf der Bühne im Basler «Häbse» bei der Bank, um ihre Ersparnisse abzuheben. Glücklicherweise reagiert die Bankberaterin richtig: «Ich glaube, Sie werden betrogen.» Ein Anruf bei der echten Tochter genügt, um den Betrugsversuch auffliegen zu lassen. Dem Applaus ist zu entnehmen, dass das Publikum erleichtert ist und mitgefiebert hat.
Das Projekt kommt beim Publikum gut an. «Ich wurde darin bestärkt, das Telefon im Zweifelsfall einfach zu beenden», sagt eine Besucherin. Die gut 300 Plätze seien sofort ausgebucht gewesen. Eigentlich ist nur eine Vorstellung geplant. Aufgrund des grossen Interesses seien aber weitere Aufführungen möglich. Unter Umständen könnte das Projekt auch in anderen Regionen der Schweiz gastieren.