Die Zahl der Kinder, die wegen vermuteter oder bestätigter Misshandlung in Schweizer Spitälern behandelt werden, steigt seit Jahren. Regula Bernhard-Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz, erklärt, warum der Druck auf Familien seit der Pandemie anhält und weshalb das neue Gesetz zur gewaltfreien Erziehung Hoffnung macht.
SRF News: In den Kinderkliniken wurden im vergangenen Jahr 2380 Kinder wegen vermuteter oder bestätigter Misshandlung behandelt – ein neuer Höchststand. Was löst diese Zahl bei Ihnen aus?
Regula Bernhard-Hug: Solche Zahlen machen mich traurig und frustriert. Wir geben uns viel Mühe, Gewalt an Kindern zu verhindern. Und trotzdem landen am Ende so viele im Spital.
Wie erklären Sie sich diese Zunahme in den letzten Jahren?
Wir stellen fest, dass häusliche Gewalt und Gewalt an Kindern seit der Corona-Pandemie praktisch jedes Jahr zugenommen haben – insbesondere die körperliche und psychische Gewalt. Während der Pandemie waren typische Risikofaktoren wie gesundheitliche und wirtschaftliche Sorgen oder enger Wohnraum extrem präsent. Damals haben sich in vielen Familien Muster im Umgang mit Konflikten eingeschlichen, die sich verfestigt haben.
Risikofaktoren wie psychische Belastungen der Eltern, Suchtverhalten oder wirtschaftliche Existenzängste durch Armut erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Gewalt.
Hinzu kommt, dass viele Familien auch heute mit Unsicherheiten und Belastungen konfrontiert sind. Diese anhaltenden Sorgen können dazu führen, dass Eltern schneller an ihre Grenzen kommen.
Ist es also eine generelle Überforderung der Eltern, die sich hier entlädt?
Oftmals ja. Wenn häusliche Gewalt zwischen den Eltern passiert, sind die Paare so stark mit sich selbst und ihren Konflikten beschäftigt, dass kaum mehr Aufmerksamkeit oder Emotionen für das Kind übrig bleiben. Das kann – oft auch verstärkt durch Suchtverhalten oder psychische Belastungen – bis zur Vernachlässigung führen.
Knaben haben ein erhöhtes Risiko für körperliche Gewalt, Mädchen für psychische oder sexuelle Gewalt.
Zudem erleben Kinder immer auch psychische Gewalt, wenn sich die Eltern gegenseitig Gewalt antun, weil sie in einen schweren Loyalitätskonflikt geraten und mitleiden.
Spielt auch eine Rolle, dass Fachpersonen heute stärker sensibilisiert sind und Verdachtsfälle schneller melden?
Das ist sicher ein Teil des Ganzen. Wenn beispielsweise eine Frau wegen häuslicher Gewalt auf dem Notfall landet, fragt man heute viel systematischer nach den Kindern. Es ist gut möglich, dass Kinder dadurch heute früher an die Kinderschutzgruppe eines Spitals überwiesen werden.
Welche Kinder sind denn besonders gefährdet?
Die Statistik zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede: Knaben haben ein erhöhtes Risiko für körperliche Gewalt, Mädchen für psychische oder sexuelle Gewalt. Grundsätzlich kann Gewalt jedoch in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommen. Entscheidend ist, wie hoch der Druck auf das familiäre System ist. Risikofaktoren wie psychische Belastungen der Eltern, Suchtverhalten oder wirtschaftliche Existenzängste durch Armut erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Gewalt.
Am 1. Juli ist das neue Gesetz zur gewaltfreien Erziehung in Kraft getreten. Setzt die Prävention damit am richtigen Ort an?
Bevor ein Kind im Spital landet, hat es meist schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Prävention muss deshalb viel früher und weniger invasiv ansetzen, um Familiensysteme in Krisen frühzeitig zu unterstützen. Mit der neuen Gesetzesänderung im Zivilgesetzbuch (ZGB) sind die Kantone nun verpflichtet, niederschwellige Beratungsstellen anzubieten. Ich habe grosse Hoffnung, dass dies in der Prävention viel bewirken kann.
Das Gespräch führte Michèle Scherer.