Die Schweiz fliegt – trotz Hitzesommer. Es gebe da ein psychologisches Phänomen, sagt dazu Catherine Hartmann von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: «Man nennt es eine ‹Wissens-Verhaltens-Lücke›. Es rauchen ja auch viele Leute, obschon sie wissen, dass es ihnen schadet.»
Man gewichtet berufliche und persönliche Ziele höher – oder man zweifelt daran, dass der persönliche Verzicht etwas bewirkt.
Im Auftrag der Stadt Zürich haben Hartmann und ihre Fachgruppe für Umwelt- und Nachhaltigkeitspsychologie untersucht, warum so viele Menschen zwar einerseits ambitionierte Klimaziele unterstützen, ihr Flugverhalten aber trotzdem kaum anpassen.
Obschon er es besser wisse, verhalte sich der Mensch manchmal unvernünftig, sagt Hartmann. Um sein Gewissen zu beruhigen, suche er für dieses Verhalten dann häufig nach Rechtfertigungen.
Fliegen ist auch günstiger und einfacher
Im Fall des Fliegens funktioniere das so: «Man gewichtet berufliche und persönliche Ziele höher oder man zweifelt daran, dass der persönliche Verzicht etwas bewirkt.» Und wenn das Umfeld ebenfalls fliege, dann seien alle Zweifel wie weggeblasen, so Hartmann.
Hinzu kämen finanzielle Abwägungen: In vielen Fällen seien Flugreisen nicht nur schneller, sondern auch günstiger – und ausserdem viel einfacher zu buchen. Das alles seien bei der Wahl des Verkehrsmittels wichtige Argumente.
Psychologisch lässt sich der Widerspruch also erklären, warum Schweizerinnen und Schweizer immer wieder ins Flugzeug steigen, obschon sie wissen, dass sie die Umwelt damit belasten.
Offen bleibt allerdings die Frage, warum dieses Thema die Politik nicht stärker beschäftigt. Immerhin verursacht der Flugverkehr rund zwölf Prozent der Schweizer Treibhausgasemissionen. Dabei dürfte die tatsächliche Klimawirkung aufgrund zusätzlicher Effekte noch höher sein.
Und was tut die Politik?
Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone sagt, die Schweiz spüre die Folgen der Klimakrise diesen Sommer so deutlich wie selten zuvor. «Und man hört vom Bundesrat nichts dazu.» Höchstens lokal höre man Forderungen, etwa solche zur kurzfristigen Linderung: Dass man den Einbau von Klimaanlagen erleichtern oder Spitäler und Altersheime besser kühlen müsse.
Die dem Klimawandel zugrunde liegenden Probleme würden indes nicht angegangen, sagt Mazzone. Im Gegenteil: Während man bei der Bahn spare und etwa Subventionen für Nachtzüge streiche, werde der Flugverkehr indirekt gefördert und quasi subventioniert. So verzichte man weiterhin auf eine CO₂-Abgabe auf Kerosin oder auf eine Mehrwertsteuer auf internationale Flugtickets.
Wenn der Bundesrat nicht handle, müsse man halt aus der Bevölkerung Gegensteuer geben, betont Mazzone. Auch deshalb sammeln die Grünen und andere derzeit Unterschriften für die Mobilitätsbon-Initiative. Diese verlangt unter anderem eine Abgabe auf Flugtickets.
Wasserfallen: Familienbesuche im Ausland
Für diese Forderung wiederum hat FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen kein Verständnis. Er nennt das Vorhaben «eine Zwängerei», schliesslich sei eine Flugticket-Abgabe vom Volk bereits einmal verworfen worden.
Für Wasserfallen gibt es gute Gründe, zu fliegen. «Viele Leute besuchen ihre Familie im Ausland.» Deshalb fliege die Schweizer Bevölkerung derart viel.
Es sind sogar rekordverdächtig viele Flüge – genauso rekordverdächtig wie der diesjährige Sommer.