Der Fall Collien Fernandes hat es wieder gezeigt: Die Unschuldsvermutung ist der Zauberspruch der Männerwelt, sozusagen die Hydra der Manosphere. Für jeden Kopf, der wegen einer Sexualstraftat angezeigt wird, wachsen zwei neue nach, die «Unschuldsvermutung!» rufen. Und zwar, ganz ohne, dass der erste Kopf abgeschlagen worden wäre. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn Männer von Frauen angezeigt werden, rollen selten Männerköpfe. Stattdessen wird der Fehler bei der Frau gesucht, sogar dann, wenn sie Bundesrätin ist.
Jede männliche Unschuldsvermutung beginnt mit dem Nein einer Frau.
Karin Keller-Sutter hat kürzlich Anzeige wegen Beleidigung und Verunglimpfung erstattet, weil jemand die KI von X (Grok) beauftragt hat, sie möglichst vulgär sexistisch zu beleidigen. «Peinlich!», kommentiert das die Weltwoche. «Dünnhäutig!» Als Spitzenpolitikerin müsse sie sowas aushalten. Ganz nach dem Motto: Ob im Minirock im Club oder mit Hosenanzug im Bundesrat, wenn Frauen sexuell herabgewürdigt werden, gilt für sie immer noch: die Selberschuldvermutung.
Das kommt nicht überraschend von einer Zeitung, deren Chefredaktor Roger Köppel vor wenigen Jahren zur Revision des Sexualstrafrechts getwittert hat: «Jede grosse Liebe beginnt mit dem Nein einer Frau.» Dabei müsste es heissen: Jede männliche Unschuldsvermutung beginnt mit dem Nein einer Frau.
Ein Einbrecher würde wohl auch sagen: ‹Es war eine harmlose technische Übung, um zu sehen, was mit diesem Brecheisen möglich ist.›
Die NZZ schreibt sogar, dass Karin Keller-Sutter mit dieser Anzeige einen Konflikt mit den USA heraufbeschwöre. Wenn eine Schweizer Bundesrätin sich gegen sexistische Beschimpfung wehrt, dann ist das also nicht ihr gutes Recht, sondern: schlechte Diplomatie. Wobei, klar: Eine Anzeige gegen einen 75-jährigen Sexisten birgt zwangsläufig die Gefahr, den Präsidenten der USA zu verärgern – wenn der Präsident der USA ein 79-jähriger Sexualstraftäter ist.
Peter P. selbst erklärt den Vorfall bei Tamedia so: «Es war eine harmlose technische Übung, um zu sehen, was mit diesem Grok möglich ist.» Ein Einbrecher würde wohl auch sagen: «Es war eine harmlose technische Übung, um zu sehen, was mit diesem Brecheisen möglich ist.»
Es gilt das Motto: ‹Ich bin zwar anderer Meinung, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie einen Deep-Fake-Porno mit Bildern Ihrer Ex-Frau erstellen können.›
Die Tech-Milliardäre weisen derweil jede Verantwortung auf ihren Plattformen von sich. Elon Musk nennt die Kritik an seiner KI «Zensurversuche». Für ihn bedeutet die automatisierte Massenproduktion von menschenrechtsverletzenden Inhalten: Meinungsfreiheit. Ganz nach dem Motto: «Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie einen künstlichen Deep-Fake-Porno mit Bildern Ihrer Ex-Frau erstellen können.»
Einen Lichtblick gibt es aber: Da Karin Keller-Sutter Anzeige gegen Unbekannt eingereicht hat, muss nun juristisch überprüft werden, wer die Verantwortung trägt: die Plattform oder der User. Das könnte zu einem wegweisenden Verfahren führen und weitreichende Folgen haben. Der Bundesrätin deswegen zu unterstellen, sie wolle damit Elon Musk und Trump einen reinwürgen, wäre jedoch verfehlt. Schliesslich gilt auch für sie immer noch … die Unschuldsvermutung.